Teil 63 (KW 35/2019): Christian Engelhardt

Christian Engelhardt ist Chemiker und Ultraläufer. Der 39-jährige Wiener vom „Team Vegan.at“ war in seiner Jugend ein erfolgreicher Skifahrer. Heute läuft er lieber Distanzen die weit über den Marathon hinausgehen. Im Helden-Interview #63 spricht er auch über den doppelten Wien Marathon und über den von ihm ausgerichteten „Blaufränkisch Ultra“.

Helden des Laufsports: Hallo Christian. Laut eigener Aussage bist du schon immer ein sportlicher Typ gewesen, was hast du vor dem Laufen gemacht?

Christian: Ich bin einem kleinen Dorf in Franken, in der Nähe von Nürnberg aufgewachsen. Dort gab es einen Fußballverein und somit war klar, dass jeder irgendwann mal dort spielt. Weiters waren meine Eltern begeisterte Skifahrer, so dass ich schon sehr früh damit begann. Mein fußballerisches Niveau war jetzt nicht so berauschend. Da zeichnete sich eigentlich schon früh ab, dass ich mehr so der läuferische/kämpferische Typ bin. Beim Skifahren ging es dafür umso besser. Ich konnte mehrere Nordbayerische Meistertitel erringen, kletterte in der Rangliste des DSV bis auf Platz 273 und nahm sogar an Amateurweltmeisterschaften teil. Mit ca. 16 folgte auch ein kleiner Ausflug in den Triathlon-Sport, dem ich aber aufgrund mangelndem Schwimmtalent wenig abgewinnen konnte. Auf meine sportlichste Zeit beim Ski-Zug der Gebirgsjäger in Bad Reichenhall, wo ich neben Alpin Skiern auch die Langlaufski beim Biathlon unterschnallen durfte, folgte meine unsportlichste Zeit während des Studiums.

Hdl: Wann und warum hast du dann mit dem Laufen begonnen?

Christian: Mit dem Laufen habe ich tatsächlich erst hier in Wien begonnen. Mein Arbeitgeber finanziert jedes Jahr die Teilnahme am „Vienna City Marathon“. Als sich ein Kollege, der für den letzten Teil der „VCM“ Staffel gemeldet war, kurzfristig verletzte, war es für mich kein Thema einzuspringen. Dort dann, auf den letzten Kilometern des Marathons, reifte schon langsam der Gedanke, einmal im Leben einen kompletten Marathon in Angriff zu nehmen. Das war im Jahr 2008. 2009 folgte eine weitere Staffelteilnahme und ein paar kürzere Läufe mit dem Firmenlaufteam, bevor im September 2009 die Entscheidung fiel, 2010 den „VCM“ als ersten Marathon zu absolvieren. Eigentlich war das so eine „Bucketlist“ Geschichte. So ein „Einmal im Leben muss man einen Marathon gelaufen sein“ Ding. So bin ich da irgendwie reingerutscht. 😀

Hdl: Was waren über die klassischen Distanzen deine persönlichen Highlights?

Christian: Ganz klar, der erste Marathon! Den vergisst man nicht. Das war 2010 der VCM, den ich relativ locker in 03:48:56 Stunden ins Ziel bringen konnte. Dann natürlich das erste Mal, als ich die Drei-Stunden-Marke unterbieten konnte – das war 2013 beim Berlin Marathon. Und natürlich meine aktuelle Marathonbestzeit, die ich in Begleitung von Gunter (@Guracell) und Dominik (@CiclistaRosa) vom #Twitterlauftreff beim Linz Marathon 2016 auf 2:56:42 drücken konnte. Aber nicht nur Bestzeiten sind Highlights. Ganz besondere Marathons waren auch der „VCM“, als wir mit einer großen Gruppe des #Twitterlauftreffs am Start waren und ich einen Arbeitskollegen dabei unterstützen konnte seinen Traum vom „Sub4“ Marathon zu erfüllen. Trotz Sturz bei Kilometer 35 im Prater ?  Eine ganz besondere Geschichte in Sachen Marathon ist auch immer die so genannte „Ketterechts-Challenge“. Ich weiß gar nicht mehr, wann das begonnen hat. Ich denke 2013 ist Cristian Gematto aka @_ketterechts an zwei Wochenenden hintereinander den „VCM“ und den Linz Marathon gelaufen. Wir haben das dann auf Twitter irgendwann nach ihm benannt und ich habe das jetzt mittlerweile schon dreimal gemacht. 2014, 2015 und in diesem Jahr. Wobei wir heuer noch eine kleine Schwierigkeit eingebaut haben und vor dem Linz Marathon auch noch den ¼ Marathon gelaufen sind, welcher eine Stunde vor dem Marathon startet. „Ketterechts Challenge“ extreme sozusagen. 😀

Hdl: Heute bist du Ultraläufer, was gefällt dir daran?

Christian: Schon bei meinem ersten Ultra, dem Sechs-Stunden-Lauf im Wiener Prater 2013 mit 64,879 Kilometer, war mir klar, dass meine läuferische Zukunft weit hinter der Marathon Ziellinie liegt. Was mir vor allem an den Ultra-Trail-Läufen gefällt, ist die wesentlich entspanntere Atmosphäre. Kein drängeln im Startbereich, keine so starke Verbissenheit, weniger Konkurrenzdenken (vor allem in den Bereichen, in denen ich mich bei Läufen so bewege) und dass man eben seinen Sport in den Bergen ausüben kann. 

Hdl: Was durftest du hier schon erleben?

Christian: Uff. Das ist eine gute Frage. Bei meinen Ultras durfte ich schon sehr viele wunderschöne Sachen erleben. Die allermeisten davon mit wunderbaren Menschen. Bei meinem ersten Ultra, dem Sechs-Stunden-Lauf im Wiener Prater z.B. Da kamen Peter (@Peterslaufblog) Basti (@die_Bergziege) und Gunter (@Guracell) bei strömenden Regen in den Prater um mich für einige Runden zu begleiten und mich zu unterstützen. Das war echt Gold wert! Denn wenn man im Regen auf einer 2,5 kilometerlangen Runde im Prater läuft, da kann man sich schon mal fragen, warum man die ganze Sache überhaupt macht. Da ist jede Ablenkung willkommen.

Eine ziemlich coole Aktion war z.B. auch der doppelte Wien Marathon, den ich 2017 absolviert habe. Ich habe ein oder zwei Jahre davor im Blog von Ian Sharman gelesen, dass er den doppelten Boston Marathon gelaufen ist. Also früh morgens im Ziel des Boston Marathon gestartet, dann zum Start gelaufen um mit allen anderen Startern den normalen Boston Marathon zu laufen. Von dieser Idee war ich dann so angefixt, dass ich das beim Heimmarathon in Wien auch machen wollte. 2017 war es dann soweit. Mit der Unterstützung meines damaligen Kooperationspartners und Matthias Stelzmüller, dem Herausgeber des „Daily Sports Magazins“, habe ich es dann durchgezogen. Es war ein irrer Tag. Matthias hat mich die meiste Zeit mit Inline Skates begleitet, Videos und Interviews gemacht und mich auch sonst super moralisch unterstützt. Am Hinweg, also früh morgens vom Ziel zum Start hatte ich dann auch noch Begleitung von Basti und Maria (@beFITbeFAST). Beim richtigen Marathon hat mir dann Christoph (@don_tango) Beine gemacht um den „echten Marathon“ noch unter vier Stunden zu finishen. Eine geniale Sache, auf die ich immer noch oft angesprochen werde und an die ich auch immer gerne zurückdenke.

Auch an die Woche, die ich zusammen mit Basti 2015 beim „Goretex Transalpine Run“ verbringen durfte, werde ich mich ewig erinnern. Sicher, wir waren nicht die Schnellsten, aber wir hatten tatsächlich acht Tage Spaß. Das war wirklich fantastisch, solche Dinge gäbe es noch so viele zu erzählen. Jeder Lauf hat irgendetwas Besonderes, an das man sich gerne erinnert. Sei es die besondere Landschaft, neue Leute die man dabei kennen lernt, oder ein besonderes Ergebnis, eine Bestzeit oder Bestweite. Mittlerweile muss ich aber sagen, dass ich gar nicht mehr so auf die Zeitenjagd aus bin. Für mich geht es mittlerweile im Laufsport darum, eine gute Zeit mit meinen Freunden draußen in der Natur zu verbringen und Spaß zu haben. Wenn man in dieser Zeit noch 70 oder 80 Kilometer laufen kann, umso besser.

Hdl: Im Juli warst du mit einigen Freunden auf Abenteuerlaub, was stand am Programm?

Christian: Wir waren zu fünft, vier Läufer und ein Supporter in Chamonix und haben versucht in Eigenregie den „Mont Blanc“ auf der Strecke des berühmten „UTMB“ zu umrunden. Leider sind wir nur 70 von möglichen 170 Kilometern gekommen, weil ein Teammitglied die Sonne an diesem Tag so überhaupt nicht vertragen hat. Aber im Nachhinein war das alles halb so schlimm. Wir haben die Zeit dort zusammen genossen, das Wochenende auch so gut ausgenützt und zusammen eine richtig tolle Zeit in Frankreich verbracht. Die Eindrücke dieser Tage werde ich noch sehr lange behalten. Eben Freunde, Berge, Trails… Was will man mehr? Flo (@laufenentdecken) und Peter (@redendentdecken) waren auch dabei, Flo als Läufer und Peter als Supporter, die Beiden haben da einen herrlichen Podcast darübergemacht.

Hdl: Wie sieht eine normale Trainingswoche bei dir aus?

Christian: In einer normalen Trainingswoche versuche ich zwei bis drei Mal in die Arbeit zu laufen. Das geht auf unterschiedlichen Distanzen zwischen acht und 20 Kilometer, je nachdem wie früh oder spät ich aus dem Bett komme. Je nach Phase in meinem Training baue ich hier auch Intervalle, oder ein schönes Fahrtspiel ein. Am Wochenende steht dann mindestens ein längerer Lauf an. Oft laufe ich aber auch zwei Mal am Wochenende. Ist das der Fall, trainiere ich meistens samstags kürzer, dafür mit höherer Intensität und mach dann Sonntag einen langen Lauf.

Hdl: Hattest du schon einmal Probleme mit Verletzungen und wie versuchst du diese zu vermeiden?

Christian: Ich bin bis jetzt in knapp zehn Jahren Laufsport zum Glück vor größeren Verletzungen verschont geblieben. In der Zeit nach dem doppelten “VCM” hatte ich etwas mit einem Läuferknie zu kämpfen, das sich dann noch etwas verschlimmerte, weil ich drei Wochen später die „Transvulcania“ gelaufen bin. Aber mit ein bisschen Yoga und einer Reduktion der Umfänge ging das auch recht schnell wieder vorbei. Zur Prophylaxe gehe ich regelmäßig zur Massage. Und dann eben die üblichen Dinge. Ein bisschen Blackroll, ein bisschen EMS Training. In Wahrheit gar nicht so viel. Ich kenne meinen Körper schon ziemlich gut und merke recht bald, wenn sich was anbahnt.

Hdl: Mittlerweile bist du auch unter die Laufveranstalter gegangen, um welchen Lauf handelt es sich hier?

Christian: Seit zwei Jahren organisiere ich mit ein paar Freunden im Burgenland, genauer in Deutschkreutz, den „Blaufränkisch Ultra“. Am Rotweinfestival laufen wir dort gemeinsam eine 80- Kilometer-Runde durch alle teilnehmenden Weingüter ab. Natürlich darf dabei auch das eine oder andere 1/16 verkostet werden. Die ganz harten schaffen alle 30. Wir freuen uns aber natürlich auch über abstinente Teilnehmer. Rotwein trinken ist keine Voraussetzung. Uns geht’s schon auch um das Laufen. Dieser Lauf ist auch gar kein Wettkampf. Wir laufen immer gemeinsam in der Gruppe und haben für die 80 Kilometer 13 Stunden Zeit. Zusätzlich gibt es noch zwei kürzere Runden mit 22 und 35 Kilometer. Wie viel Spaß das macht, kann man glaube ich ganz gut auf unseren Fotos sehen.

Hdl: Welche Hobbys außer dem Sport hast du noch?

Christian: Eigentlich drehen sich alle meine Hobbys irgendwie um Sport. Neben dem Laufen gehe ich ab und zu noch Rennrad fahren und auch ein Mountainbike nenne ich seit kurzem mein Eigen. Im Winter versuche ich gelegentlich die eine oder andere Skitour zu gehen. Leider ist das aus Zeitgründen nicht immer möglich. Mein großer Sohn Ole ist jetzt fast sieben und absolut dem Fußball verfallen, da bin ich auch noch des Öfteren am Sportplatz im Einsatz. Dann hab ich noch, sozusagen als Begleitung zu meinem Hauptsport meinen Blog, auf dem ich alle meine Wettkämpfe und besonderen Läufe dokumentiere. Falls jetzt der ein oder andere Leser von „Helden des Laufsports“ neugierig geworden ist, würde ich mich natürlich über Besucher freuen.

Hdl: Vielen Dank und weiterhin viel Spaß beim Laufen.

Christian: Ich bedanke mich. Hat Spaß gemacht.