Demeter Dick und sein UTMB 2021

Text: Demeter Dick, einer der leidenschaftlichsten Ultraläufer Österreichs. Garantiert mit einem Schuss Ironie.

Wiki-Info: Wer oder was ist der UTMB (Ultra-Trail du Mont-Blanc) genau?

Das sagt Demeter:

“Viel Zeit ist vergangen seit meinem letzten Bericht über ein sportliches Event. Und das liegt nicht nur an den fast zwei verlorenen Jahren seit der Pandemie. Die meisten Wettkämpfe, insbesondere meine jährliche Teilnahme am IRONMAN Austria, wurden so zur Routine, dass sie es nur zu kurzen Beiträgen auf Facebook schafften. Wenn überhaupt.

Foto: ©Demeter Dick

Aber es gibt Wettkämpfe, die nie zur Routine werden. Und einer davon ist und bleibt der UTMB. Nach meinem Finish 2017 und meiner Aufgabe im Jahr 2019 habe ich keine 6 Wochen vor dem UTMB 2021 durch Glück noch einen Startplatz angeboten bekommen. Und bescheuert wie eh und je, konnte ich dieses Angebot natürlich nicht ausschlagen.

Dass die Zusage nur mittelprächtig durchdacht war, habe ich freilich erst nach der Anmeldung realisiert. Nicht, dass ich außer Training wäre, aber die letzten beiden Jahre habe ich weit unter meinem Niveau früherer Jahre trainiert. Vielleicht bin ich ein wenig müde geworden – zum Glück aber keineswegs körperlich angeschlagen. Aber auch die vielen abgesagten Bewerbe seit 2020 haben an der Motivation gezerrt.

Das alles geistert mir durch den Kopf, während ich am 27. August mit über 2000 Teilnehmern auf den Start des UTMB warte. 172 Kilometer über 9 Berge mit über 10.000 Höhenmetern. Was habe ich mir nur wieder dabei gedacht? Nun ja. Wie immer nichts. Denn wie lautet mein bekanntestes Zitat: Zuerst anmelden, dann nachdenken.

Möglicherweise ist der UTMB nicht das beste Beispiel um diesem Credo zu folgen. Aber zur Hölle, zum Heulen ist es jetzt zu spät, denn es geht los. Hinaus aus Chamonix – gemütliche 8 Kilometer bis zum ersten Berg.

Im ganzen August bin ich weniger gelaufen, als ich jetzt soll. Und noch übler: Bei meinem letzten Trainingslauf rund um den Wolfgangsee habe ich mir mal wieder die Adduktoren verletzt. Meine persönliche Achillesferse. Und sie schmerzen vom ersten Schritt weg. Was mache ich hier?

Zum Glück machen sich die Schmerzen aber bergauf nicht bemerkbar, und so rede ich mir ein, dass ich ja nur neun Mal einen Berg nach oben spaziere muss und mich bergab von der Schwerkraft leiten lasse. Das Beste daran: Ich kann mir das so einreden, dass ich es tatsächlich glaube.

Der erste Berg ist harmlos, das Wetter prächtig und mit professioneller Verdrängung der restlichen Distanz habe ich richtig Spaß. Außerdem: Einen Stein muss ich nicht über die neun Berge schleppen: Wie lange ich brauche, ist völlig egal. Es zählt nur, ob ich es schaffe.

Mit dem Spaß ist es dann aber auch schneller vorbei als man denkt. Denn schon in der ersten Nacht erwarten einen mit dem Col de Bonhomme und dem Col de la Seigne zwei 2400er, die nur eine Aufgabe kennen: dich physisch und psychisch richtig fertig zu machen. Ohne Stöcke, die Hände am Rücken verschränkt, versuche ich den beiden Brocken den Schrecken zu nehmen – ihnen ein »ihr könnt mich mal« entgegen zu schleudern. Das klappt so mittel, denn wie elendig hoch kann ein Berg bitte sein? Vor allem Nachts, wenn man nichts sieht! Sehr unangenehm!

Viel schlimmer als der endlose Anstieg ist aber mein Magen. Mir ist kotzübel, und ich bin damit nicht allein. Einige Läufer übergeben sich neben der Strecke und ich bekomme große Lust mitzumachen. Entkräftet greife ich dann doch zu den Laufstöcken und quäle mich den letzten Berg vor Courmayeur hoch.

Dort angekommen bin ich mir sicher, dass es das war. Die Adduktoren schmerzen, das rechte Knie sticht, ich habe keinen Appetit und bin von Kopf bis Fuß mit Schweiß und Dreck überzogen. Oder wie die Kollegen sagen würden: Mimimimi. Um ein Haar hätte ich tatsächlich übersehen: Das ist alles völlig »normal«. Zum Glück schreibt mir meine Frau eine SMS. Ich solle aufhören zu heulen und mich kurz hinlegen.

Eineinhalb Stunden später, immer noch ein Häufchen Elend, mache ich widerwillig weiter, schnappe Rucksack und Stöcke und erklimme den nächsten Anstieg. Es folgt auf einem Hochplateau einer der schönsten Streckenabschnitte – als Draufgabe unter gleißender Sonne. Irgendwann später – mein Zeitgefühl ist längst Asche – erreiche ich Arnouvaz bei Kilometer 100. Im Jahr 2019 bin ich hier ausgestiegen – und auch diesmal werfe ich einen kurzen Blick auf die Abfahrtszeiten der Busse, die die Gefallenen des UTMB nach Chamonix bringen.

Nachdem ich mehr innere Schweinehunde schlachte als Tönnies in einem ganzen Jahr, schnappe ich erneut die Stöcke und lege einfach wieder los. Hoch zum Col Ferret mit knapp 2600 Höhenmetern. Denn danach geht’s lang bergab. Und siehe da: Die Schmerzen in den Adduktoren haben aufgegeben. Haben keine Lust mehr mich zu quälen, weil ich ohnehin keine Ruhe gebe. Und so geht es – ich würde nicht zwingend von spritzig reden – relativ flott runter bis La Fouly.

Da läutet das Telefon. Die Organisatoren waren kurz in Sorge, ob es mir gut geht, weil ich auf der TrackingApp nicht sichtbar bin. Wir plaudern nett, während ich Richtung Champex-Lac laufe und erkläre ihnen, dass ich in der Schweiz sicher kein Data Roaming aktiviere. Da kostet mich der Kilometer 100 Euro. Bis Valorcine und ich bin bankrott. Da gehe ich lieber verschollen!

(Nebenbei erwähnt: Aus diesem Grund habe ich vor dem Start für 50 Euro einen GPS-Tracker geliehen. Denn wer in der Wildnis nur auf sein iPhone vertraut, ist ohnehin verloren.)

Am Weg nach Champex-Lac denke ich mich dann auch zum ersten Mal als verlaufen. Es geht inmitten eines Waldes steil bergauf. Sehr lange. Sehr steil. Wie kann da oben plötzlich aus heiterem Himmel ein kompletter Ort samt See auf mich warten? Es kann. Auf knapp 1600 Höhenmetern spuckt dich der Wald aus und da ist dann plötzlich ein richtiger Ort mit Menschen, Supermärkten und Eisdielen. Völlig verrückt.

94 Prozent der Läufer, die es bis hierher schaffen, kommen ins Ziel. Ein wichtiges Mantra zu diesem Zeitpunkt. Denn die Sonne hat ihren Platz mit den Sternen getauscht und du realisierst, dass dich die letzten drei Berge noch weitere 12 Stunden kosten werden. Noch eine komplette Nacht ohne Schlaf. Aber irgendwie ist schon alles egal und ich sehe zu, dass ich rasch weiterlaufe.

DUFF-Bier macht fit.

Der Anstieg auf den drittletzten Berg zieht sich hin und meine Freunde der Nacht kommen endlich zu Besuch. Willkommen im Kuriositätenkabinett meiner Halluzinationen! Abseits bemalter Steine lerne ich in dieser Nacht jede Menge neuer Insekten kennen, die ich jedoch nicht benennen kann. Nicht nur, weil sie tatsächlich nicht da waren, sondern weil diese Insekten auf diesem Planeten grundsätzlich nicht existieren. Einmal bleibt ein Läufer vor mir stehen und stochert mit dem Stock kurz am Boden herum, ehe er kopfschüttelnd weitergeht. Ich bin also nicht allein.

Wie auch immer: Irgendwann nach Mitternacht erreiche ich Trient und mache mich nach kurzer Pause sofort wieder auf den Weg. Der zweitletzte Berg ist ein Klacks und mit Valorcine der letzte größere Stützpunkt erreicht. Dort will mich eine Dame der UTMB-Organisation nicht gleich weiterlaufen lassen. Ich wäre mit meinem Laufhöschen ja praktisch nackt unterwegs und oben auf über 2000 Höhenmetern wäre es gerade extrem kalt. Nix da. Ich bleib wie ich bin!

Also hoch. Der letzte Berg. Das Ziel zum Greifen nah. Dummerweise wird ausgerechnet der letzte Berg zur einzigen technischen Herausforderung. Die Stöcke packe ich weg, da ich zum Hochklettern teilweise auch die Hände benötige. Die Lunge rasselt mittlerweile, als hätte ich Eisenketten verschluckt. Die Nasenschleimhäute fühlen sich an, als würde ich seit dreißig Jahren koksen. Und die Lippen sind ausgetrocknet – einmal lachen und sie platzen auf wie Frankfurter Würstchen. Zum Lachen gab’s gottlob keinen Grund.

In der aufgehenden Sonne geht’s dann der Bergkante entlang zum letzten Checkpoint in La Flégère und dann nur noch runter. Runter nach Chamonix. Zieleinlauf. Fertig. Ende.

Nie war ich mir so sicher ein Ziel nicht zu erreichen wie in diesen 39 Stunden. Aber jetzt bin ich mir sicher: tot ist man erst, wenn man tot umfällt.”

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