Der Unvollendete

#Kolumne

„Wunderschöner Landschaftslauf … schon lang, aber nicht so lang wie ein Marathon … Gipfel und Grate … noch drei Monate Zeit zum Vorbereiten“, las mir ein Freund vor ein paar Jahren von einer Website vor. „Klingt gut, oder?“ „Ja“, antwortete ich, während dem Griller mitten in der Grillerei das Gas ausging, „da laufen wir mit!“ Ich spießte das nicht mal halbgare Steak auf: „Und mit der Diät dafür fangen wir gleich jetzt an.“ Mit einem sportlichen Radler stießen wir auf das gemeinsame Ziel an.

Fast jedes Wochenende machten wir daraufhin den nahen Wald unsicher und sammelten lange Läufe. Am Ende des Hochsommers merkten wir, dass wir schon so fit waren, dass uns die Hitze völlig egal war. Das Rennen konnte kommen. Eine Woche vor dem Start dann der Anruf: „Der erste kalte Tag hat mich erwischt. Mein Hals kratzt, ich fühl mich fiebrig.“ „Was sagt das Thermometer?“, fragte ich. „Ich spür es passt was nicht. Ich muss leider absagen. Wie wäre es mit dem Frühjahrshalbmarathon?“ „Schade“, und „Okay“, antwortete ich und trug den neuen Termin im Kalender ein.

Im anschließenden Winter lief es dann noch besser als im Sommer. Bei Sonne stapften wir mit Skiern auf die Berge, bei Wolken liefen wir im Tal durchs Gelände. Ein paar Wochen vor dem Rennen wagten wir einen flotten Testlauf die Donau entlang: Mein Freund – ein „Boanagstö“ – zog mir und meinen schweren Knochen davon wie ein anmutiges Reh einem schwerfälligen Wildschein. Als ich ihm nachher gratulieren wollte, verzog er jedoch das Gesicht. „Das war zuviel des Guten, Knie angeknackst!“ – Das wird bis zum Rennen sicher noch“, versuchte ich ihm Mut zu machen. Doch eine Woche vor dem Start wieder der Anruf: „Es hat keinen Sinn. Ich bin nur langsam gejoggt in letzter Zeit. Das wird nix Gscheites.“ „Wir müssen ja keine Bestzeit laufen“, sagte ich. Er winkte ab: „Im Herbst gibt’s einen super Berglauf, den machen wir dann gemeinsam!“ Ich verschob unseren Renntermin im Kalender auf Oktober.

Als der Berglauf herannahte, gab es Turbulenzen in seiner Beziehung. „Ich hab jetzt einfach keinen Kopf für Sport!“ „Vielleicht hilft dir das Laufen, den Kopf freizubekommen“, schlug ich vorsichtig vor. Wir einigten uns auf ein neues Rennen im Frühjahr.

Im Frühjahr kam dann Corona. Der eingetragene Termin verstrich im Lockdown, und an einen neuen war für mehr als ein Jahr lang nicht zu denken. Erst vor kurzem bemerkte ich dann, dass mehr und mehr Anmeldemöglichkeiten für „nicht-virtuelle“ Rennen im Netz auftauchten. Zwar alle mit Fragezeichen, was die genauen Corona-Bedingungen betrifft, aber das Einzahlen der Nenngelder funktionierte immer einwandfrei. Ich rief meinen Freund an. „Herbstmarathons stehen an. Wie siehts aus? Bist du fit?“

„Fit mit Corona, kann ich nur sagen“, strahlte er durchs Telefon. „Hab seit Jahren nicht so viel Sport gemacht wie im letzten Jahr!“

„Super“, sagte ich. „Wo laufen wir?“

„Ist mir noch zu unsicher“, sagte er. „Wer weiß, wann die vierte Welle kommt.“

Als gemeinsamen Renntermin habe ich nun das nächste Frühjahr eingetragen.

Sportliche Grüße, Herbert!

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