Einmal im Jahr vorm Pissoir

#Kolumne

Was macht eine Großveranstaltung wie den Linz Marathon aus?

Umständlichkeit erhält die Einzigartigkeit:

In meiner eigenen Heimatstadt muss ich vom Bahnhof mit dem Shuttlebus anreisen, weil der Marathon in Linz nicht nur die Autobahn, sondern auch die Straßenbahn lahmlegt. Immerhin kann ich mir so ein Bild von einer Stadt machen, deren Verkehrswege hundert Jahre lang für Auto optimiert wurden. Zurück vom Ziel gibt es übriges gar keinen Shuttle. So kommen zu meinem Halbmarathon noch stolze sieben Kilometer Gehen zwischen Start, Ziel, Umkleide und Bahnhof dazu. Die Begeisterung der vielen Teilnehmer, die nur einmal im Jahr so einen Lauf machen, kann das glücklicherweise nicht trüben. Sie machen das ja nur einmal im Jahr.  

Die Schlange vorm Klo ist länger und sprachlich diverser:

Noch fünfzehn Minuten bis zum Start (der zehn Minuten Fußweg entfernt liegt), und die Schlangen der Notdürftigen reichen noch weit in die Lobby des Brucknerhauses hinaus. Edel ist in Linz nämlich die Location, die Warterei spielt sich hier nicht vor Dixi-Dosen, sondern auf den samtigen Teppichen eines Konzerthauses ab. Der Schlange vor dem Herrenklo gehen gleich nach den Waschbecken ein paar Glieder verloren: genau dort entdecken die jeweils Nachrückenden nämlich aufgeregt die freien Reservoirs an Pissoirs: „Wischerln ist eh frei! Peeing is okay! Schiffen geht!“ Nur ein offenbar Ortskundiger – „Groß? Groß? I geh eh kloa!“ – rennt ganz ohne Zeitverlust gleich an die Spitze zur Muschel.

Das Publikum regt zu Genderdebatten an:

Selbst in Corona-Zeiten stehen an ein paar Stellen Leute, die nicht nur wegen Verwandter oder Freunde da sind, sondern sich auch den Rest des Feldes anschauen. Wobei die Behandlung der Geschlechter nicht ganz gleich ist: Durchwegs mit Namen angefeuert werden die männlichen „Berndschkis“, „Supermarios“ und „Mike´s“, den weiblichen Teilnehmerinnen hingegen werden auch andere Aufmunterungen zuteil: „Frauen zu mir“ ruft der eine, „Hoppauf die Damen“ ein anderer. Da ich selbst keine Frau bin, weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Auffallen tuts mir halt.

Und natürlich der Zieleinlauf:

Zu einem Großereignis gehört ein monumentaler Abschluss, und so stürmt man in Linz die angeblich zweitlängste Einkaufsstraße Österreichs hinunter ins Ziel. Ein abgesperrter Einlaufkanal zwingt die Läufer, auf dem ungemütlichen mittigen Kopfsteinpflaster zu bleiben, sorgt aber für einen von Zuschauern bejubelten Schlusskilometer. Garantiert allerdings nur für die schnellen Profis und die langsameren Läufer auf den kürzeren Distanzen, so wie mich. Wenn nach 3 Stunden topfitte Marathonis in den Kanal einbiegen, ist auf dem längsten Teil der Landstraße schon wieder Alltag eingekehrt. Auch ein Merkmal des Großereignisses Marathon: für viele fängt er erst richtig an, wenn die meisten schon wieder nachhause gegangen sind.

Sportliche Grüße, Herbert!

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