Teil 73 (KW 45/2019): Frank Busemann

Frank Busemann ist ein ehemaliger Weltklasse-Zehnkämpfer. Der Dortmunder kann auf eine sehr erfolgreiche Karriere zurückblicken, welche 1996 in Atlanta ihren Höhepunkt fand. Dort konnte Frank über die Silbermedaille jubeln. Heute ist der 44-Jährige des Öfteren im TV zu sehen. Seid ihr neugierig geworden? Dann viel Spaß beim Helden-Interview #73

Helden des Laufsports: Hallo Frank. Hand aufs Herz! Wie oft schaust du heute noch Videos von Atlanta 1996?

Frank: Eigentlich gar nicht mehr. Mein Videorekorder ist kaputt, die Bänder werden immer undeutlicher, aber ich freue mich immer, wenn ich mal irgendwo etwas sehe. Dann bin ich schon stolz, dass ich mal so schnell rennen konnte.

Hdl: Silber bei Olympia, davon träumt vermutlich jeder Athlet. Beschreibe uns den Moment, als du realisiert hast, was du da erreicht hast?

Frank: Ich bin im 1500-Meter-Lauf über die Ziellinie gelaufen und war so froh, dass alles vorbei war. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Noch stehend versuchte ich mir einzureden, dass ich mich über die Silbermedaille freuen muss, aber eigentlich war ich nur froh, dass der Schmerz nun vorbei war, der perfekte Zehnkampf für mich abgeschlossen war und ich mich jetzt endlich einfach nur auf die Bahn legen konnte. Diese Gewissheit, es geschafft zu haben, war einer, wenn nicht sogar DER schönste Moment in meiner Karriere.

Hdl: Hast du das im Vorfeld für möglich gehalten?

Frank: Leider ja. Das macht mir in Nachgang auch Angst. Vorher habe ich gewusst, wenn ich das zeige, was ich drauf habe, dann reichte das in der Vergangenheit immer für eine Medaille. Ich wollte Dan O`Brien ein bisschen ärgern und hatte als Zielpunktzahl 8617 Punkte in meine Mütze geschrieben. Eigentlich irre und nicht real, aber mit 21 Jahren hat man noch keine Angst vor dem Scheitern. Nach dem ersten Tag war ich schon zweiter, konnte das aber nicht greifen, weil Olympia bisher immer weit weg und für mich nur im TV war. Als Tomas Dvorak im Stabhochsprung an 4,80 Meter gescheitert ist, da merkte ich plötzlich, dass die Medaille wirklich Realität werden konnte. Das war dann doch ein Schock.

Hdl: In diesem Wettkampf bist du den Hürdenlauf über 110-Meter in 13,47 Sekunden gelaufen. Diese Marke war bis 2015 Rekord im Zehnkampf. War das deine Stärkste- bzw. Lieblingsdisziplin?

Frank: Das Hürdenlaufen war meine stärkste Disziplin und da wusste ich auch immer, dass ich Punkte holen musste und konnte. Im Weitsprung war ich auch nicht schlecht, da halte ich bis heute die olympische Bestweite innerhalb eines Zehnkampfes. Das war aber immer etwas kribbelig, da ich wusste, dass ich mir dabei wehtue. Meine Füße sind leider nicht die robustesten gewesen.

Hdl: Wie sah damals – in deinem Leben als Weltklasse-Zehnkämpfer – eine normale Trainingswoche aus?

Frank: In der ersten Hälfte meines Zehnkämpferlebens von 1995 bis 1998 habe ich von 08:00 bis 16:00 Uhr eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht und bin danach sechs Mal die Woche für etwa zweieinhalb Stunden zum Training gegangen. Danach lag der Fokus auf dem Sport, habe nebenbei ein bisschen studiert, habe aber dann mehr Zeit für Physiotherapie (drei Mal pro Woche morgens) und für meine sechs Trainingseinheiten gehabt.

Hdl: Welche Highlights, außer Atlanta, gab es noch in deiner Karriere und was war dein negativstes Erlebnis?

Frank: Zum „Sportler des Jahres“ in Deutschland gewählt zu werden, war und ist bis heute noch eine unglaubliche Geschichte, die mich echt froh macht. Die Bronzemedaille bei der WM 1997 war wirklich gut. Da habe ich mir gezeigt, dass ich unter widrigen körperlichen Bedingungen echt ein krasses Niveau abrufen kann und Atlanta keine Eintagsfliege war. Der Juniorenweltmeistertitel 1994 über die 110 Hürden und der Deutsche Siebenkampfrekord 2002 waren für mich die Highlights Nummer vier und fünf. Negativ war die Diagnose Ermüdungsbruch im Vorfeld der Olympischen Spiele 2000. Ich wollte es nicht wahrhaben und war unendlich traurig. Ausschließlich mit Alternativtraining (Aquajogging und Fahrradergometer) habe ich es im letzten Moment in den Olympiaflieger geschafft, habe vor Ort aber Angst gehabt und Fehler gemacht.

Hdl: Wie ist es vom eigenen Vater trainiert zu werden?

Frank: Bei uns war das eine wirklich gute Konstellation. Weil ich die Heißdüse und er der Bremsklotz war. Ich wollte immer mehr machen, als mir gut tat und er passte als mein Vater auf mich auf. Er hat sich nie über mich verwirklichen wollen und wollte immer, dass es mir gut ging. Nach den Olympischen Spielen lehnte er sogar sechsstellige Wettkampfofferten ab, weil ich Urlaub machen sollte (hat er mir natürlich nicht erzählt, dass jemand mit einem Sack voll Geld wedelte).

Hdl: 2003 hast du deine Karriere beendet. Wie gelang der Umstieg in das „normale“ Leben?

Frank: Das dreiviertel Jahr zum Karriereende war hart und anstrengend. Für mich und vor allem, für meine Frau. Ich war unfair, ungerecht und habe mich bemitleidet. Im Schreiben fand ich ein Ventil alles Geschehene aufzuarbeiten und musste währenddessen erkennen, dass ich niemals mehr gewinnen werde oder meine Bestleistung verbessere. Irgendwann ließ ich den Gedanken zu, den Leistungssport zu beenden. Das war dann ein befreiender Moment mit überraschender Wirkung. Für mich war klar, der Sport wird dann ein Kapitel meines Lebens sein, ich bringe mein Studium zu Ende und gehe normal arbeiten. Dann rief das ARD-Morgenmagazin an, kurz danach eine Unternehmensberatung. Ich stieg ins Vortragsgeschäft ein und mache neben meiner TV-Tätigkeit echt viel Zeug, was ich am Ende der Karriere nicht für möglich gehalten hätte und nicht auf dem Schirm hatte.

Hdl: Heute bist du Langstreckenläufer und läufst regelmäßig und viel. Wie hat alles begonnen?

Frank: Vier Monate nach meinem Karriereende bekam ich einen Anruf vom Karstadt-Ruhr-Marathon. Sie suchten einen Botschafter und hätten an mich gedacht. Auf die Anmerkung, dass ich Zehnkämpfer sei und nur eine viertel Stunde am Stück laufen könne, entgegneten sie, dass ich ja nicht mitlaufen müssen. Aber was ist das für ein Botschafter, der nicht weiß, wovon er redet? Ich schaute meine Frau an und sagte, dass ich nun Marathon laufen wolle. Sie schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte, dass wir das eine überstanden hätten, und jetzt komme ich mit sowas um die Ecke.

Hdl: Läufst du auch Wettkämpfe? Wenn ja, welche Zeiten hast du da stehen?

Frank: Der Wettkampf ist immer das Ziel. Ohne den kann ich mich nicht aufraffen. Es klappt immer seltener, aber ich versuche es. Meine Bestzeiten sind: Marathon 03:39 Stunden, Halbmarathon 01:32 Stunden, zehn Kilometer 39:46 Minuten, fünf Kilometer 18:55 Minuten, 1500 Meter 04:20,08, 800 Meter 02:00,63, 100 Meter 10,59 Sekunden. Sprinter halt. Es wird immer schneller.

Hdl: Bei „Ewige Helden“ warst du 2016 auf „VOX“ zu sehen, wie würdest du diese Tage dort beschreiben?

Frank: Es war unglaublich schön. In einem TV-Format unter Wettkampfbedingungen echt abgefahrene Disziplinen zu bestreiten war genau mein Ding. Zehn Wochen vor Drehbeginn bekam ich die Anfrage und bin sofort ins Training eingestiegen. Zum Start war ich echt so fit, wie seit zehn Jahren nicht mehr. Es war anstrengend, weil jeden Tag gedreht wurde, aber das Erlebnis hat es aufgewogen und ich war traurig als es zu Ende war.

Hdl: Du hast auch schon einige Bücher auf dem Markt gebracht, wie kam es dazu?

Frank: Das erste Buch war persönliche Seelenbereinigung. Ich wollte mich auf dem Weg zum Olympiasieg begleiten, damit ich das in dreißig Jahren nochmal nachlesen kann. Es wurde mehr und mehr und ich merkte während des Schreibens, dass ich nicht mehr in der Lage war, mich zu verbessern. Ich war sehr ehrlich zu mir und auf einmal hatte ich 300 Seiten geschrieben. Daraus könnte man vielleicht ein Buch machen, dachte ich, rief einen Verlag an und der fragte, wann das Buch fertig sei. „Ja jetzt, sonst würde ich doch nicht anrufen!“ erwiderte ich. Wer es denn geschrieben habe? Wollten sie wissen. „Na ich, sonst würde doch nicht mein Name draufstehen!“ Keiner schreibe selbst, das wäre ein Novum, deshalb wollte sie das Manuskript sofort haben. Und dabei habe ich gemerkt, dass ich doch ganz gern schreibe. Mit zunehmender Anzahl der Kinder (drei) leidet aber die Ruhe und Kreativität.

Hdl: Als TV Experte der ARD kann man dich mittlerweile schon einige Jahre bei Leichtathletik-Events sehen und hören. Zuletzt bist du in Doha bei der Weltmeisterschaft vor Ort gewesen. Welche Eindrücke sind dir aus der Wüste hängen geblieben?

Frank: Die unglaubliche Hitze mit hoher Luftfeuchtigkeit. Das hat mich bis zum letzten Tag immer wieder von neuem überrascht und ich freute mich auf deutsches Schmuddelwetter. Im Stadion war das alles in Ordnung und die Bedingungen waren gut. Das Stadion war anfangs fast komplett leer, das hat mich schockiert. Zum Ende hat der Veranstalter reagiert und die Ränge wirklich gut gefüllt. Das war ein versöhnlicher Abschluss.

Hdl: Was macht Frank Busemann sonst noch so?

Frank: In der Hauptsache bin ich Keynote-Speaker in Unternehmen und Veranstaltungen, bin seit 2003 für die ARD unterwegs. Ich begleite für Kinder+Sport das Deutsche Sportabzeichen, habe ein Programm für Betriebliches Gesundheitsmanagement für die Barmer, unterstütze gerade den Aufbau des Ausdauerportals spooorts.de, will ein guter Ehemann und Vater sein und mache manchmal Dinge, die ich heute noch nicht weiß. Mehrkampf eben.

Hdl: Danke für das Gespräch!