Teil 144 (KW 23/2021): Fritz Ruegsegger

Ruegsegger läuft im Trainingslager auf Mallorca ganz vorne.

“Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, hat mir Spaß gemacht”, sagt der ehemalige Schweizer Spitzenläufer Fritz Ruegsegger im Helden-Interview der Woche. In einem ganz speziellen Gespräch spricht er über seine Olympiateilnahme von 1972 in München. Der 71-jährige Krauchthaler erlebte den Anschlag auf die Israelis hautnah und konnte damals schwer damit umgehen. Wir blicken aber auch auf eine tolle Karriere zurück und vergleichen das Training von damals und heute. So viel vorneweg: Es ist die Regeneration! “Einzig in der Vorbereitung zu den Spielen 1972 habe ich reduziert gearbeitet, 40 statt 45 Stunden”, so Ruegsegger im Interview.

Helden des Laufsports: Wann und warum hast du mit dem Laufen begonnen?

Fritz Ruegsegger: Das war eigentlich eine spezielle Geschichte: 1968 war ich als landwirtschaftlicher Praktikant in Südwestfrankreich. Während den Olympischen Spielen in Mexiko ernteten wir täglich bis spät in den Abend Mais. Der Bauer und Hobbykoch bereitete dann ein leckeres Abendessen vor und während dem Essen schauten wir am Fernsehen die Spiele. Colette Besson gewann mit WR die 400 m und ich war so begeistert, dass ich auch laufen wollte. Als die Spiele vorbei waren, begleitete ich sie dann zum Meeting nach Graz. Zurück in der Schweiz, begann ich beim STV Frauenfeld in der Jugend und Sportabteilung mit dem Laufen. Mein erster Lauf war im Februar 1969 beim Benny-Nagel-Crosslauf in St. Gallen. Ich stürmte wie wild los, hatte bald 40 m Vorsprung und wurde eingeholt und vierter. Aber ich hatte Blut geleckt! Mein erster Bahnlauf war über 5.000 m im Letzigrund – mit wenig Training lief ich 15:54 Minuten und wurde dritter. Im Herbst des gleichen Jahres wurde ich in den Nationalkader aufgenommen.

Was bedeutet das Laufen für dich?

Viel! Von Grund auf bin ich ein Leistungsmensch. Ich laufe gerne alleine im Training und kann wunderbar meine Gedanken nachhängen und die Natur genießen. Gerade gestern bin ich 21 Kilometer gelaufen, die Düfte der blühenden Rapsfelder und des frisch gemähten Heugrases fand ich schon immer fantastisch. Das Erleben der Jahreszeiten draußen in der Natur ist einfach toll.

Du warst sogar bei den Olympischen Spielen 1972 in München dabei! Wie bleiben die diese Spiele in Erinnerung?

Dazu habe ich leider nicht nur gute Erinnerungen. Das Ganze wurde ja überschattet vom Anschlag auf die Israelis, die im Dorf direkt neben uns wohnten. Ich hatte auf Anraten des Verbandes auf die 10.000 m verzichtet und mich auf die 5.000 m konzentriert. Am Tag des 10.000-m-Vorlaufes machte ich mein bestes Training ever. 3 x 2000 m in 5:15 Minuten mit zehn Minuten Pause.

Auch sonst hatte ich einmalige Höhepunkte: Zuerst konnte ich mit Gustav Heinemann und seiner Frau Mittagessen, wobei ich mich intensiv mit Frau Heinemann unterhielt, war sie doch zum Teil in Bern aufgewachsen. Aber es kam noch besser: Am Tag darauf bekamen wir hohen Besuch. Willy Brandt, Hans J-Vogel, Willy Daume besuchten das Dorf und ich war erstaunt, dass ich mit drei anderen Athleten zu Tisch eingeladen wurde und ich fand mich wieder gegenüber von Willy Brandt. Im Gespräch, das mir lange in Erinnerung blieb, weil wir darüber sprachen, dass eines Tages die deutsche Trennung vorbei sein werde und jeder von uns durch sein Verhalten, wenn er im Osten startete, etwas dazu beitragen kann. Er drückte die Hoffnung aus, dass er das noch erleben möchte. Und er hat es überlebt!

Nun zurück zum Sport: Nach dem Attentat und der Trauerfeier wurden die Wettkämpfe wieder aufgenommen. Ich war im ersten 5000-m-Vorlauf zusammen mit Lasse Viren und Jürgen May. Ich hatte dass Attentat nicht verkraftet und schied klanglos aus. Ich war damals 22 und konnte die Geschehnisse nicht wegstecken.

“Die Spiele 1972 in München bleiben mir nicht nur positiv in Erinnerung. Das Attentat auf die Israelis habe ich mit 22 Jahren nicht wirklich gut verkraftet”

Fritz Ruegsegger erlebte den Anschlag von 72 hautnah.

Deine 10.000-m-Bestzeit, die du 1972 als 22-Jähriger gelaufen bist, liegt bei 28:49 Minuten. Wo bist du diese Zeit gelaufen?

Bei meinem ersten Lauf auf der Bahn über 10.000 m, vor genau 49 Jahren! Es war ein Abendsportfest in Basel und wir waren eine aufstrebende Läuferschar. Ich schaffte auf Anhieb die Olympia-Norm und gewann das Rennen. Zehn Schweizer blieben an diesem Abend unter 30 Minuten! Heute undenkbar.

“Das war vor 49 Jahren. Ich gewann das Rennen und lief Olympianorm”

Fritz Ruegsegger über seine Bestzeit über 10.000 m, die bei 28:49 Minuten liegt.

Welche Karriere-Highlights gab es noch?

Es gab einige, darunter mehrere Schweizermeistertitel über 1.500 m, 10.000 m und im Crosslauf. Im Crosslauf habe ich auch mehrere Male an den Weltmeisterschaften teilgenommen. Dazu kamen mehrere Länderkämpfe und internationale Starts. Einmal bin ich den Hallwilerseelauf über 22 Kilometer in 67 Minuten gelaufen, dies hätte eine Halbmarathonzeit von 64 Minuten ergeben. In Graz bin ich 1972 einen Zehn-Meilen-Straßenlauf gelaufen und wurde in 48 Minuten zweiter hinter Lutz Phillip und vor Manfred Letzerich. Es gab natürlich noch zahlreiche Höhepunkte wie beim Cross der Meisterclubs in Arlon/BE, als ich dritter wurde und im Finish Klaus-Peter Hildenbrand bezwang.

Wie sah damals eine intensive Trainingswoche aus, und wie hat sich das Training zu heute verändert?

Ich kann einige Topläufer gut auf Strava verfolgen. Da die Topläufer heute meistens sehr reduziert arbeiten, haben diese mehr Zeit für regenerative Maßnahmen. Für solche Sachen hatten wir keine Zeit! Allerdings bin ich erstaunt, dass vor allem viele Langstreckenläufer eher abwechslungsarmer im Lauftraining unterwegs sind. Zudem fehlt es oft an einer gescheiten Periodisierung, vermutlich auch, weil den Preisgelder nachgerannt wird. Unser klassisches Training bestand aus mindestens zwei Intervalltrainings, im Winter eher als Basistraining und zur Bahnsaison hin mehr ausgerichtet auf das Wettkampftraining.

Beispiele: Manchmal sind wir auch bei den Dauerläufen losgerannt, was das Zeug hielt. Ich hielt mich relativ eng an die Trainingskonzepte, die A. Lydiard in seinem Buch veröffentlicht hatte. Im Winter durfte auch für Bahnläufer der lange Lauf nicht fehlen. Bei den Läufer, die ich auf Strava verfolge, vermisse ich oft eine klare Struktur und eine gezielte Periodisierung. Auch als Profiläufer dürfte es schwierig sein, im Februar Europarekord im Halbmarathon zu laufen und dann in der Bahnsaison in Topform zu sein.

“Die Athleten heute haben mehr Zeit für Regeneration, das war bei uns damals nicht möglich”

Fritz Ruegsegger auf die Frage, was sich zu früher im Leistungssport verändert hat. Der Schweizer arbeitete 45 Stunden pro Woche.

Hattest du schon mal mit schwereren Verletzungen zu kämpfen? Wie beugst du vor?

Die schlimmste Verletzung erlitt ich im Frühjahr 1976. Bei einem nationalen 10.000-m-Lauf erlitt ich bei der Hälfte eine Muskelzerrung und lief das Rennen noch fertig und gewann in 29:20 Minuten. Wieso? Ungefähr zwei Wochen später fand in München ein hervorragend besetzter 10.000-m-Lauf statt und dafür wollte ich mich qualifizieren. Der Verband hat mich auch gemeldet, aber ich konnte drei Monate keinen Schritt mehr rennen. Es war hart, als ich den Lauf zu Hause am TV verfolgte und in der Startliste meinen Namen eingeblendet sah. Ich hatte öfters mit muskulären Problemen zu kämpfen. Heute nehme ich an, dass diese Verletzungen eine Folge der ungenügenden Erholungszeit waren, habe ich doch dauernd voll gearbeitet (45 Stunden pro Woche) und mich noch weitergebildet. Einzig in der Vorbereitung zu den Spielen 1972 habe ich reduziert gearbeitet, 40 statt 45 Stunden. Damit konnte ich über Mittag noch eine Stunde trainieren. Seit drei Jahren bin ich völlig verletzungsfrei und ich führe dies zurück auf alternative Trainingsformen, vor allem Krafttraining, Stabilität, Beweglichkeit und Laufschule. So habe ich letztes Jahr den Runningkurs für Erwachsene vom Leichtathletikverband absolviert. Und ich kann wieder schneller laufen. Jetzt habe ich Zeit, mein Training so zu gestalten, wie ich es für gut befinde. Bis vor drei Jahren habe ich voll gearbeitet, davon von 2003 an in Norddeutschland. Jetzt habe ich noch ein politisches Mandat in meiner Gemeinde, dass mich ca. 30% beansprucht.

Wie wichtig ist dir eine gesunde und ausgewogene Ernährung?

Natürlich achte ich auf die Ernährung, einfach abwechslungsreich und selbst zubereitet – auch als ich alleine in Norddeutschland lebte, habe ich mir nie eine Fertigpizza oder dergleichen gekauft. Ich nehme keine Nahrungsmittelergänzungen, vielleicht mal eine Vitaminkur. Nicht verschmähen will ich ein Glas guten Wein zu einem schönen Abendessen.

Wie viel trainierst du aktuell und nimmst du auch noch an Wettkämpfen teil?

Ich trainiere praktisch jeden Tag, wobei ich fünfmal in der Woche laufe, dazu kommen Krafttraining, Beweglichkeit und Stabilität. Gerne nehme ich an Wettkämpfen teil, ich bin Stammgast am Nordseelauf in Ostfriesland, Am Schluchsee- und am Reschenseelauf. Auch ein Halbmarathon und zahlreiche Läufe um die 10 Kilometer stehen auf dem Rennkalender. Im Moment kann ich etwa 48 Minuten über zehn Kilometer laufen, ganz passabel für meine 71 Jahre.

Welche Hobbys, außer dem Laufsport, hast du noch?

Mein politisches Amt betrachte ich als Hobby, dazu kommen Wandern, im Winter Skilanglauf, im Sommer Rennrad, Literatur, von klassisch bis kriminell, Enkel und Enkelinnen bezirzen, Freundschaften pflegen.

Fazit:

Ich denke, meinen schnellen Aufstieg zum Olympiaathleten habe ich vor allem der Lebensumstände als Schüler und Lehrling zu verdanken. Mein Schulweg betrug fünf Kilometer mit 300 Höhenmetern, welchen ich oft zweimal am Tag mit dem Rad zurücklegte. Auch als Lehrling, als die Kollegen mit dem Mofa unterwegs waren, blieb ich auf dem Rad und es machte mir Spaß, denen davon zu fahren. Zudem half mir die Kraft, die als gelernter Landwirt mitbrachte, in der Entwicklung. Etwas, was ich dann in meiner Laufbahn als Marketing- und Vertriebsleiter verlor. Und ich habe alles, was ich getan habe, mit Freude gemacht, sowohl Beruf wie auch Sport und ich konnte nie verstehen, dass man den Job nicht gerne ausübt. Als Vertriebsleiter im Kontakt mit Großkonzernen war ich öfters gefordert.

“Alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, hat mir Spaß gemacht”

Fritz Ruegsegger.
Foto: ©Rügsegger (Nr. 18)

1 Kommentar zu „Teil 144 (KW 23/2021): Fritz Ruegsegger“

  1. Hans-Jürg Müller

    Ja Fritz, du warst eben ein richtiger Naturbursche – mit einem wunderbaren Charakter dazu! Legendär, wie du 1972, als ehrgeiziger, junger CH-Läufer dem damaligen WR-Halter über 10000m, Dave Bedford (GB), bezüglich Trainingsbelastungen in St. Moritz Paroli botest. Und da wäre noch die Geschichte vom Murtenlauf anno 197? : Du hattest vor dem Start grossen Kohldampf. Also genehmigtest du dir genüsslich eine Grillbratwurst, um dann eine gute Stunde später in Murten als Sieger durchs Ziel zu laufen… Vor allem bist Du aber geerdet geblieben und warst dir auch nie zu schade, an Wettkämpfen “ehrenamtlich” Helferdienste zu verrichten. Ein echtes Vorbild – in allen Belangen.

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