Lockdown Run

#Kolumne

Novembernebel und vorzeitige Dunkelheit, Bildschirme voller Virusmeldungen und selbst bin ich auch noch verkühlt: Ich muss hier raus! Bevor Zauderer und Zögerer neue Maßnahmen verkünden, verordne ich mir meine eigene, einen solidarisch selbstisolierenden Lauf durch die ausgangsbeschränkte Stadt. Gefährde ich die Spitäler jetzt noch mehr durch eine mögliche Herzmuskelentzündung oder entlaste ich sie durch aktive Gesundheitspflege?

Zuerst geht’s ein Stück stadteinwärts. Die Hügel rauf in die Wohngebiete zu rennen ist mir mit angeschlagenem Immunsystem zu anstrengend, also bleibt nur die Ebene neben der Stadtautobahn, wo die Nebelschwaden die Abgase besonders gut aufnehmen. Die Laternen glimmern dermaßen trübsinnig, dass ich mir vorkomme wie im London Jack the Rippers. Platschte jetzt ein behördlich Isolierter aus dem vierten Stock vor mir auf den Asphalt, würde das nur zur Stimmung passen.

In einer Schleife wende ich mich wieder stadtauswärts und nutze die leeren Straßen, um ausgiebig Schleim abzusondern. Laut Wikipedia durfte man während der Spanischen Grippe in New York auf der Straße nicht ausspucken, Fünfhundert Leute wurden deshalb verhaftet. Da lebe ich in gesegneten Zeiten.

Einen Minianstieg später lande ich mitten in einem Weinberg: Plötzlich sind da weder Straße noch Häuser, und die pandemische Stadt ist nur mehr ein Haufen Lichter in der Ferne. Sie sieht dabei richtig schön aus. Ich bleibe ein paar Minuten stehen und blase weiße Atemwolken Richtung Himmel. Was da wohl für Aerosole dabei sind? Dem kurzen Frieden tun sie jedenfalls keinen Abbruch.

Doch es hilft nichts: Isolation und Kälte sind keine Dauerlösung, und so geht es den Weinberg hinunter wieder zurück in die gequälte Zivilisation. Im Laternenschein steht eine Gruppe Jugendlicher zusammen, die ihre sozialen Kontakte ins Freie verlegt haben. Einen aufkommenden Huster unterdrückend weiche ich in großem Bogen aus.

Die Rückkehr aus dem Nebel ins helle Warme ist wie eine Vorschau auf das Licht am Ende des Tunnels. Solches könnte freilich auch durch die aufgehende Himmelstür scheinen. Doch so weit dürfte es noch nicht sein: die Verkühlung ist vom Laufen mal wie weggeputzt. Alles richtig gemacht? Was weiß ich schon.

Sportliche Grüße, Herbert!