Martin Mistelbauer ist Marathon-Staatsmeister: “Ich habe das sehr genossen”

September 2021: Martin Mistelbauer (team2012.at) holte sich mit 39 Jahren seinen ersten Einzel-Staatsmeistertitel. Beim Wien Marathon lief der Floridsdorfer nach 2:29:26 Stunden ins Ziel. Im Interview spricht Mistelbauer über diesen Erfolg.

Foto: ©Olaf Brockmann

Helden des Laufsports: Mit 2:29:26 Stunden bist du beim VCM zum Staatsmeistertitel gelaufen. Hast du damit im Vorfeld spekuliert?

Martin Mistelbauer: Ja, nein, vielleicht. Beim Marathon ist es halt so: Manchmal reicht es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und dabei eine solide Leistung zu bringen. Wer es immer wieder versucht, erhöht die Chance, dass es einmal klappt. Ich holte schon mal bei so einem Hitzerennen überraschend Silber. 2013 lief ich 2:37 Stunden, sicher eines meiner emotionalsten Rennen überhaupt. Im Endeffekt geht es beim Marathon um Konstanz. Ich kann seit Jahren beständig bei jedem Wetter unter 2:30 Stunden finishen und wenn eben alle besseren Läufer davor aufgeben, Probleme haben, oder sogar ins Lauf-Exil verfrachtet werden, dann kann ich auch gewinnen. Besonders leid tut es mir um Mitfavorit Patrick Kramer, der wegen Magen-Darm-Problemen schon früh aussteigen musste. Ich habe viel mit ihm in der Vorbereitung trainiert und er war eigentlich im Vorfeld eine Spur besser drauf als ich.

Wie verlief das Rennen aus deiner Sicht?

Am Start herrschte eine richtig schöne sommerliche Morgenstimmung. “Eigentlich wäre es besser gewesen, wir wären alle runter an die Donau baden gegangen” (Zitat: Simon Stützel). So viele bekannte Gesichter waren da, es hat mich wirklich gefreut, alle am Start zu treffen. Ich habe mich dann kurz mit Stützel und Listabarth abgesprochen und erfahren, dass sowohl die Gruppe mit Eva Wutti und die Gruppe von Fabienne Schlumpf eine 3:25er Pace anlaufen wollen. Es gab also eine Gruppe, jedoch nur so bis Kilometer vier, obwohl bis dahin dann doch eher in Richtung 3:20er Pace gelaufen wurde.

Marathon Fail 1: Zu schnell anlaufen. 🙂 Die beiden Gruppen trennten sich, und ich hing mit einem Halbmarathon-Läufer dazwischen. Knapp vor Kilometer zehn kamen dann noch von hinten zwei schnellere im Gleichschritt nebenher wetzende grinsende Läufer. Peter Herzog und Valentin Pfeil hatten sich doch entschlossen, ambitionierter zu laufen. Sie hätten mir gerne bis nach Schönbrunn (Westwind) Windschatten geben dürfen, aber egal. Die beiden Endorphin-Vögel, sie zogen vorbei, Peter sagte noch kurz und bündig: Konzentriert bleiben. Kurz danach habe ich auch das letzte mal bewusst auf die Zeit geschaut und beschloss, ab diesem Zeitpunkt nur mehr nach Gefühl zu laufen. Es war richtig toll, wieder viele Zuschauer zusehen, man ist das einfach nicht mehr gewohnt. Das Wetter war zum Laufen zwar zu heiß, für die Zuschauer aber ideal. Es gab auf der ganzen Strecke viele Momente, wo die Stimmung so richtig aufbrauste und man Gänsehaut bekam, auch die Familie bzw. Freunde am Streckenrand und die vielen bekannten Gesichter taten gut. Der Halbmarathonläufer, der immer „bissi“ vor oder hinter mir war, er war bei der Wende in Schönbrunn erledigt. So kam ich alleine ins Ziel.

Marathon Fail 2: Ich lief viele Läufer auf, jedoch konnte ich mit denen nichts anfangen, weil sie einfach schon drüber waren. Das wollte ich natürlich nicht machen, so habe ich von Beginn an sehr darauf geachtet, dass ich nicht dehydriere. Das hieß halt Tempo bissi rausnehmen, so dass es sich gut anfühlt und dazu 4,5 Liter Flüssigkeit und 1700 kcal in den 42,195 Kilometer. Salze hatte ich eigentlich auch im Getränk, jedoch scheinbar zu wenig reingemischt. Da ich ein Mensch bin, der viel schwitzt und dadurch wohl zu viel Salze verliert, bekam ich aber dann doch ansteigende Krämpfe in den hinteren Oberschenkeln. Als ich die Mariahilferstraße runterkam und auf den Halbmarathon zulief, stand da Timon Theuer und meinte etwas von “er setze auf mich als Staatsmeister”. Da ich das in diesem Moment nicht glauben und auch nicht hören wollte, schleuderte ich ihm eine meiner gerade geleerten Trinkflasche um die Ohren. Theuer grinste über beide Ohren, so wie es nur Timon Theuer kann. Einfach ein guter Moment. Jedoch kam es dann doch so: Ich sah Hans-Peter Innerhofer eingangs der Hauptallee bei Kilometer 28 und er kam eigentlich beständig näher, ich überholte ihn dann bei der Verpflegung bei Kilometer 30, wo wir beide kurz nebeneinander standen und unsere Flaschen suchten. Das mit der Eigenverpflegung beim VCM wäre ein eigener Roman, auf den ich jetzt nicht eingehen will, aber berühmt wäre er nicht. Die Buchrückenbeschreibung könnte folgend lauten:

Finde die Nadel im Heuhaufen und versuche sie mit schnellen Lauftempo aufzuheben, während Leute der Eliteverpflegung und andere Helfer der allgemeinen Verpflegung vor dir rumtanzen und die Sicht verstellen.

Ich ging dann quasi in Führung in der “Österreicher-Wertung”, wenn man von dem Staatsmeister des letzten Jahres, Issac Kosgei, absieht der ja leider nach neuer Regel keiner mehr werden durfte. Eben jenen Issac Kosgei sah ich dann knapp vor der Wende beim Lusthaus. Er war schon wieder am Weg zurück in die Stadt, war richtig gut drauf und lief auch brav in 2:25 Stunden ungefähr vier Minuten vor mir ins Ziel: Staatsmeister der Herzen: Issac Kosgei! Wie schon erwähnt, bekam ich leider immer mehr krampfige hintere Oberschenkel, es lief aber immer noch gut – halt irgendwie wie auf rohen Eiern. Angst hatte ich vor dem Radetzkyplatz bei Kilometer 38, wo ich schon vor zwei Jahren wegen Kopfsteinpflaster und Straßenbahnschienen kurz halten musste, um hintere Oberschenkelkrämpfe abzuwarten. Ich lief ohne Probleme über den Platz und als ich mich gerade innerlich freuen wollte, stand ich auch schon mit gespannten Muskeln im Hohlkreuz wie ein Storch am Streckenrand 🙂 Ich begann dann einfach nach kurzer Zeit wieder locker weiter zu joggen, um dann wieder zu laufen. Justament standen am anderen Straßenrand der ausgestiegene Schlumpf-Tempomacher Simon Stützel mit hoch roten Kopf und der Christian Steinhammer, welche beide komische Dialekte sprechen. Ich verstand nicht wirklich was sie mir sagen wollten, aber ich musste, glaub ich lachen weil die Situation, wir drei in der verlassenen Gasse einfach eine lustige war. Meine zweite ungewollte Krampfpause machte ich dann bei der Verpflegung bei Kilometer 40. Wieder ein vor den Tischen rumstehenden allgemein Verpflegungshelfer, welcher nicht auf die Seite ging und genau unmittelbar nach meiner Flasche stand. Da ich nicht durch ihn durchlaufen konnte, musste ich einen weiten Ausweichschritt, und gleich danach nochmal den Storch machen, da sich die beiden hinteren Oberschenkelmuskulaturen komplett verkrampften. Wieder trabte ich los und lief Richtung Ziel. Erst auf der Höhe der Oper blickte ich mich um und war mir eigentlich zum ersten mal sicher, dass da keiner ist, wohl auch keiner mehr kommt. Nach kurzem realisieren mit Emotionsstörungen war ich dann auch schon am letzten Kilometer und die Menschenmenge jubelte. Ich hab es einfach genossen. 

Also hoch die Hände, winken und freuen! Danach wurde es aber traurig: Mein Beileid an alle Angehörigen, des in meinem Alter verstorbenen Läufers. Sowas relativiert halt alles. Es ist sehr traurig und der Kontrast zu meiner Geschichte zu groß. Mir fehlen hier die Worte!

Wie lange und intensiv hast du dich auf diesen Marathon vorbereitet?

Also im allgemeinen, was Training betrifft, sind hier meine roots, das team2012.at, mit Wilhelm Lilge und Andreas Vojta zu erwähnen. Ein riesiges Dankeschön an das gesamte team2021.at mit all seinen Athleten. Ich habe von Andi und Willy alles, was ich für meine Marathon-Vorbereitungen und fürs tägliche laufen brauche, lernen dürfen. Auch ein herzliches Dankeschön an meinen Onkel Michael Mistelbauer, der mich bereits als Kind mit der Faszination Marathon infiziert hat.

Ich bin im Frühjahr einen Corona-Marathon gelaufen, alleine mit Radbegleitung in der Hauptallee. Nach zwei oder drei Wochen Pause habe ich Anfang Mai wieder mit dem Aufbau für Wien begonnen. Davon war ich erstmals im Sommer drei Wochen in St. Moritz. Unter anderem mit Lukas Becht, Michael Stulik, Luca Sinn und Fiona Aschenbrenner, wir haben dort sehr gut trainieren können. Ich trainiere so ein bis zwei Mal täglich, kommt darauf an, wie es sich ausgeht. Meine Trainingspläne mache ich schon länger selber. Die letzten zwei Jahre habe ich mich hier sehr an Richard Ringer und Sondre Moen orientiert. Danke an die beiden!

Was glaubst du, ist für dich über die 42,1965 Kilometer, was die Zeit betrifft, noch möglich?

Ich wollte immer bis ich 40 bin unter 2:20 Stunden laufen, das ist schon sehr ambitioniert für mich. Im Frühjahr bei dem “allein Projekt Corona-Marathon” unter tollen Bedingungen, bin ich 2:23:40 Stunden gelaufen. Vielleicht ist noch ein Leistungssprung drinnen und es gelingt, wenn nicht ist es auch nicht schlimm, auch eine 2:22:22 Stunden würde ich nehmen.

Wie viel Wettkämpfe hast du in der „Corona-Zeit“ bestritten?

Ich bin zwei Corona-Marathons in da Hauptallee gelaufen, wobei ich im April 2020 mit 2:27 Stunden explodiert bin. 2021 im April bin ich 2:23 Stunden gelaufen. Dazwischen bin ich die Marathonstaats Ende 2020 als Tempomacher gelaufen und jetzt in der direkten Marathonvorbereitung den „Kärnten läuft“ Halbmarathon.

Was waren bisher deine größten Erfolge?

Jeden Tag laufen gehen zu können, ist glaub ich, sehr viel Wert und damit der größte Erfolg. Sport im allgemeinen taugt mir sehr.🙂 Zeitlich gesehen, waren die 2:23 Stunden im Prater beim “Corona-Marathon” schon richtig cool. Eine 68er in Graz bei den Halbmarathonmeisterschaften mit Stephan Listabarth als zufälligen Tempomacher waren ebenfalls ziemlich cool.

Was hast du als nächstes geplant?

Jetzt mal drei Wochen Pause und dann wieder täglich laufen gehen. Im Frühling wieder den Wien-Marathon, wenn er stattfinden kann, dann im Herbst vielleicht den Frankfurt Marathon.

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