Teil 40 (KW 12/2019): Matthias Kunz

Matthias Kunz ist 46 Jahre und vierfacher Familienvater. Der Athlet des “Basel Running Club BRC” ist der erste Schweizer in dieser Interview-Serie. 2014 lief er seine tolle Bestzeit von 02:41 Stunden, wie ihm das gelang erzählt er uns im Helden-Interview #40.

Helden des Laufsports: Hallo Matthias, du lebst in Oberwil (Kanton-Basellandschaft in der Schweiz). Gibt es dort schöne Laufstrecken?

Matthias: Lauftechnisch gesehen wohne ich hier im Paradies. Das muss ich so sagen. Meine Umgebung bietet wirklich alles was das Läuferherz begehrt. Hügelige Wege mit schöner Aussicht auf den Schwarzwald und die Vogesen. Im Sommer kann man sich Laufstrecken durch den Wald aussuchen. Und sogar für Tempoläufe findet man hier für Schweizer Verhältnisse recht flache Strecken. Es gibt einen Hausberg mit toller Aussicht, man kann am Rhein laufen – kreuz und quer durch die Agglomeration – es gibt hier wirklich alles! Und was ich stets schätze: es gibt unglaublich viele Brunnen. Für die langen Läufe schleppe ich nie Getränke mit, sondern laufe quasi von Brunnen zu Brunnen. Dazu kommt das milde Klima der Region Basel (hier liegt im Winter auch nur selten Schnee). Ich kann hier eigentlich in alle Richtungen loslaufen.

Hdl: In der Königsdisziplin, dem Marathon, hast du eine Bestzeit von 02:41 Stunden stehen. Diese hast du 2014 in Berlin aufgestellt. Schildere uns den Rennverlauf und deine Eindrücke von damals.

Matthias: Die Erinnerung an diesen Lauf lassen pure Emotionen der Freude hochkommen. Da ist natürlich erst einmal das Gänsehauterlebnis am Start – Mitten in rund 45.000 Läufer/Innen – und dann siehst Du auch den einen oder anderen Favoriten, das spornt unglaublich an. Nach dem Startschuss kam ich ganz gut weg und konnte direkt eine Pace von 3:45 min/km aufnehmen. Wie so oft, wollte ich eigentlich vorsichtiger starten, aber im Rausch der Hochgefühle verleite ich mich dann jeweils zu meinem Lieblingsmotto: «wer nichts wagt, gewinnt nichts». Ich fühlte mich grossartig.

Dass etwas Verrückte bei diesem Lauf, war ein plötzlicher stechender Schmerz im linken hinteren Oberschenkel bei Kilometer fünf. Ich lief meinen 23. Marathon – und so was hatte ich noch nie. In der Tat überlegte ich mir ob ich mir meine Startnummer vom Leibchen reissen- und das ganze Ding schmeissen soll. Mit einem etwas langen Schritt versuchte ich den Muskel zu dehnen – es wurde besser – und der Muskel hielt!  Treu nach der Taktik von Greif (Peter Greif, ehemaliger Deutscher Marathontrainier, ich trainierte und lief nach seinen Vorgaben) versuchte ich ab Kilometer elf das Tempo zu verschärfen – ich wollte einfach unter der Pace von 3:45 Minuten bleiben – was mir auch tatsächlich gelang. So passierte ich die Halbmarathonmarke in der Zeit von 01:19:12 Stunden (das waren bloss nur 1 Minute und 26 Sekunden über meiner damaligen HM-PB!) – ich dachte bloss: «Junge, dich wird hinten raus der Hammermann totschlagen» – jaja Humor habe ich. 🙂

Hdl: Wie ging es weiter?

Matthias: Ich lief im Tunnel, war unglaublich konzentriert und mein Wille war zu 100% fokussiert. Mein Ziel war es eine Zeit von 2:39 Stunden (wäre der Traum gewesen) bis 02:42 Stunden zu erreichen. Du erreichst ja beim Marathon (zumindest wenn du auf PB läufst) immer irgendwann einen Tiefpunkt – bei mir war das zum ersten Mal bei Kilometer 33 der Fall. Ich drückte bei jedem Kilometer-Schild auf meine Rundentaste bei der Garmin-Uhr – und hier bei Kilometer 33 war ich derart ausgepowert, dass ich nicht mehr in der Lage war die Zeit abzulesen. Verrückt, nicht? Das heißt auch, dass ich meine Pace zu dem Zeitpunkt nicht mehr genau einschätzen konnte. Dann kam noch der große Kampf: ab Kilometer 40 schien meine Atmung außer Kontrolle zu geraten und es drohte Seitenstechen. Ich kämpfte was ging – ich wusste ich lag gut im Rennen und wollte das Ding jetzt einfach noch gut ins Ziel bringen. Ich hatte mein persönliches Limit längst durchbrochen – würde ich jetzt noch alles verlieren? Aber dann folgte der «kurzweilige Abschnitt» in Berlin und das Brandenburger Tor tauchte in der Ferne auf. Jetzt war ich im Rausch der Endorphine wie ich es noch nie zuvor war. Jetzt wusste ich, dass da vorne meine neue persönliche Bestzeit liegt und ich müsste sie mir nur noch holen. Mit einem Doppelschrei der Erleichterung erreichte ich dann in 02:41:35 den 7. Himmel, äh das Ziel! 😀

Hdl: Wie verlief damals deine Vorbereitung?

Matthias: Die Vorbereitung verlief sehr gut. Ich powerte mich bei den Tempoläufen und den Intervallen richtig aus. Pro Woche lief ich jeweils rund 120 bis 130 Kilometer. Dann aber erlebte ich sechs Wochen vor dem Start einen herben Rückschlag. Während einer Einheit von 17 x 400 Meter Tempowechsel spürte ich einen starken stechenden Schmerz in der rechten Hüftgegend. Danach unter der Dusche konnte ich kaum noch auf dem rechten Bein stehen. Sofort besuchte ich meinen Orthopäden des Vertrauens und der diagnostizierte zwei überforderte Muskeln (M. gluteus medius und minimus). Es hiess zwei Wochen Laufpause, bzw. Alternativtraining – für mich brach da natürlich eine Welt zusammen. Ich stand so gut im Training und dann das. Ich war derart heiss auf meine Marathon-PB, dass ich einen 10 Kilometer-Lauf der im Trainingsplan stand im Wasser über Aqua-Jogging durchführte. Das Wasser war derart kalt, dass ich nachher noch rund eine Stunde schlotterte. Eine Woche hielt ich meine Laufpause aus und verpasste so rund 120 Trainingskilometer. Dann lief ich als Test eine 35 Kilometer-Einheit mit 12 Kilometer Endbeschleunigung – und ich hatte tatsächlich keine Schmerzen mehr! So schraubte ich mein Training danach sogar noch erst auf über 140 und dann sogar noch auf 161 Wochenkilometer – und die Hüfte und mein Körper machten das mit. So war ich für Berlin wirklich bereit.

Hdl: Ein ganz heikles Thema vor einem Lauf ist das „Tapering“. Wie gestaltest du die letzten zwei Wochen vor einem Rennen um am Tag X topfit zu sein?

Matthias: Ich bin immer nach einem Plan von Peter Greif gelaufen und da merkt man eigentlich das Tapering erst so zehn Tage vor dem Marathon, da findet die letzte richtig schnelle und lange Einheit statt. Danach folgt am Wochenende ein ruhiger Dauerlauf über 27 Kilometer und schliesslich die klassische Taperingwoche mit zwei Intervall-Einheiten die weit weg vom Limit sind. Gespickt mit ruhigen Läufen. Das tut dann schon gut. Und ich spüre jedes Mal wie die Kraft in den Körper strömt.

Hdl: Welche waren deine bisherigen größten Erfolge bzw. schönsten Laufmomente?

Matthias: Ich muss sagen, dass es ganz viele schöne «Laufmomente» gab und gibt. Trainingsläufe bei strömendem Regen, Eisregen oder auf Schnee gehören da genauso dazu wie auch einfach ein Lauf an einem gewöhnlichen Tag bei herrlichem Sonnenschein. Einmal habe ich mich in den Sommerferien auf einer kleinen kroatischen Insel während der heissen Mittagszeit komplett verlaufen, das war ein tolles Abenteuer. Bezogen auf Wettkämpfe betrachte ich meine Serie von sechs Marathon-PB’s in Folge zwischen Herbst 2011 (2:55:34 Stunden) und Herbst 2014 (2:41:35 Stunden) als meinen grössten sportlichen Erfolg. Daneben gab es natürlich ganz viele kleinere und grössere Erfolge. Mehrfach auf dem Podest der Altersklasse, dann war ich im Team dabei welches in Basel den Streckenrekord im EKIDEN-Marathon gelaufen ist. An einem kleinen Anlass in Yverdon (in der CH) wurde ich Tagessieger im Halbmarathon. 2016 habe ich in Basel am gleichen Tag zuerst in 01:17:55 Stunden die Altersklasse M40 im Halbmarathon gewonnen und dann gleich im Anschluss noch den Sieg mit dem Team im EKIDEN-Marathon geholt – das war ein ganz verrücktes Ding. Bei meiner Halbmarathon PB 2015 in Freiburg (D) holte ich in 1:16:40 Stunden ebenfalls den Sieg in der Altersklasse M40. Speziell war mein Köln Marathon 2017 – ich holte zwar den Sieg in der Altersklasse M45 (was mich natürlich sehr ehrt) aber gleichzeitig war ich im Ziel bitter über meine 2:43:54 Stunden enttäuscht – ich hatte mir mehr versprochen.

Hdl: Allerdings gab es noch einen schöneren Moment, oder?

Matthias: Ja! Die schönste Lauferinnerung bleibt der Wien Marathon aus dem Jahr 2014. Dort begleitete mich der österreichische Super-Lauf-Held(!!! Nicht übertrieben!!!) Christian Schmuck als Pacemaker. Ich lief von Beginn weg wie unter Drogen, war wirklich 42,2 Kilometer im High und was da der Christian geleistet hat, das war echt grosses Kino, das hat mich schwer beeindruckt. Sensationell habe ich damals zum ersten Mal die 02:45 Stunden durchbrochen. Was mir in der Folge noch in Berlin, Frankfurt, Paris und Köln gelungen ist.

Hdl: Welche sportlichen Ziele hast du noch?

Matthias: Bei mir stand immer «nur» die Marathonstrecke im Fokus. Die 42,195 Kilometer so rasch als möglich abzuspulen ist für mich eine Leidenschaft die viel Freude weckt (über das Leiden reden wir jetzt nicht). Da ich derzeit durch die familiäre Belastung nicht vernünftig trainieren kann und ich so langsam auf die 50 zusteuere, bin ich mir bezüglich meiner Ziele noch nicht klar. Seit drei Monaten befinde ich mich in einer «Laufpause» – vielleicht entsteht in den nächsten Wochen oder Monaten wieder ein neues Ziel. Vielleicht den K78 in Davos? Oder den New York City Marathon? Ich bin offen…

Hdl: Wie lässt sich dein intensives Training mit vier Kindern und dem Beruf vereinbaren?

Matthias: Das geht eigentlich nur wenn man Rückendeckung von der Frau bekommt. Anders ist das gar nicht möglich. Das Training war nie ein Zuckerschlecken. Oft habe ich zuerst die Kinder ins Bett gebracht, bin dabei kurz eingeschlafen, habe dann aber noch eine tolle Intervall-Einheit hinbekommen. Oder ich ging am Sonntagabend spät noch raus auf die 35 Kilometer-Runde. Es braucht viel Willen, und natürlich muss innerlich ein Feuer brennen. Aber mit so vielen Kindern braucht es die Unterstützung der Frau – und dafür bin ich ihr von Herzen dankbar – ich weiss, dass sie mir viel ermöglicht hat. Unser jüngstes Kind ist letztes Jahr im Mai zur Welt gekommen, seitdem musste ich das Laufen stark reduzieren. Eine grosse Familie fordert viel – so warte ich jetzt einfach mal auf «bessere» Zeiten…

Hdl: Wann hast du mit dem Laufen begonnen? Warst du schon immer sportlich?

Matthias: Sport – oder besser «Bewegung» – war schon immer mein Element. Früher habe ich viel Fussball gespielt. Da habe ich schon damit begonnen zu «Joggen». Dann bin ich mit 29 über einen Arbeitskollegen zum Marathon gestossen. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Da ich damals nur spärlich trainiert habe (dreimal pro Woche) bin jeweils jämmerlich eingebrochen und habe viele Schläge vom Hammermann abbekommen.

Hdl: Du bist Mitglied beim „Basel Running Club BRC“. Erzähle uns kurz über deinen Verein.

Matthias: Der Verein ist noch recht jung, es gibt ihn erst seit ein paar Jahren. Es ist eine unglaublich motivierte und positive Truppe. Der Trainer ist mit Leib und Seele (Marathon) Läufer. Und obwohl ich «schnell» bin, gibt es im Verein noch viel Schnellere! Wegen meiner knappen Zeit (Familie/Beruf) habe ich es leider nie wirklich geschafft regelmäßig das BRC-Training zu besuchen. Das ist etwas was ich sehr bereue, denn jedes Mal wenn ich wieder mit dem Verein trainiert habe, hat mich das gestärkt und weiter motiviert. Wer mal in Basel ist, kann dort ruhig ein Training besuchen – es lohnt sich auf jeden Fall!

Hdl: Welche Laufveranstaltungen in der Schweiz kannst du uns empfehlen?

Matthias: Für mich ist und bleibt der Zermatt-Marathon der schönste Marathon den ich kenne. Leider liegt der nicht gleich um die Ecke. Ich bin ihn zwischen 2002 und 2010 sieben Mal gelaufen. Auch die grosse Laufveranstaltung Ende Oktober in Luzern (Lucerne City Marathon) kann ich sehr empfehlen.

Hdl: Vielen Dank für das Gespräch!

Matthias: Hey, auch vielen Dank! Mir war es eine grosse Freude. Es hat richtig Spass gemacht in all diesen Erinnerungen zu verweilen. Viel Spass beim Laufen!

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