Teil 46 (KW 17/2019): Oliver Gerson

Dr. Oliver Gerson ist Athlet der SVG Ruhstorf und wohnt in Niederbayern. Erst am Montag konnte Oliver beim „Wolfsfährte-Trail“ in Fürsteneck den Sieg holen. Der 29-jährige Jurist spricht im Helden-Interview #46 über seine bisherigen Erfolge und seinen Trainingsalltag.

Helden des Laufsports: Hallo Oliver, wann hast du mit dem ambitionierten Lauftraining begonnen?

Oliver: Hallo Mario! Das erste Mal gelaufen bin ich mit ungefähr 15 Jahren. Das hatte schon ganz gut geklappt und ich habe sofort Blut geleckt. Was das ambitionierte und wettkampforientierte Training betrifft, kann ich im Rückblick zwei Phasen unterscheiden: Meine ersten Wettkämpfe (vor allem Halbmarathon und lange Bergläufe) bin ich bereits in der Altersklasse MU20 gelaufen, damals noch in meiner ursprünglichen Heimat Oberfranken und ohne systematischen Trainingsplan. Ich habe jeden Tag nach Gefühl meine Routine-Strecken abgespult und bin hin und wieder auf regionale Wettkämpfe getingelt. Bedingt durch die geringe Besetzung der U20 auf der Langstrecke waren die Erfolge groß. Als ich im Jahr 2009 für mein Jura-Studium nach Passau gezogen bin, ging es anfänglich so weiter, ich habe einfach ein paar Jahre weiter „gewurschtelt“. In der MHK angekommen und direkt konfrontiert mit der beeindruckend starken Laufkonkurrenz der Region, wurde es jedoch zunehmend schwerer, meine gewohnten Erfolge zu halten. Auch bedingt durch die zeitlichen Beschränkungen des Studiums und das „Alter“, musste ein richtiger Trainingsplan mit Struktur und Sachverstand her. Im Jahr 2013 hat mich nach einem Wettkampf Andreas Schober von der SVG Ruhstorf angesprochen und mich in den dortigen Verein geholt. Seither trainiere ich systematisch und konsequent nach Andreas Trainingsplänen und konnte meine Leistung kontinuierlich ausbauen. Für meine sportliche Entwicklung war das die bestmögliche Weichenstellung.

Hdl: Heute bist du sehr flott unterwegs und konntest u. a. schon mehrere Tagessiege feiern. Was waren deine bisherigen Highlights?

Oliver: Da hat sich der Fokus stark verändert. Früher war ich im siebten Himmel, wenn ich in einem bergigen Halbmarathon bei Gegenwind im Führungsblock einlief. Die erreichten Zeiten waren zweitrangig, mir ging es vor allem ums Finishen. In die „kurzen“ Distanzen (für mich alles unter zehn Kilometer…) habe ich mich erst mühsam reinfuchsen müssen. Tempohärte und Wettkampftaktik waren recht schwach ausgeprägt. Als der Knoten geplatzt war, habe ich eine große Leidenschaft für die Grenz- und Sparkassencup-Läufe entwickelt, die mehrheitlich auf „krumme“ und mittellange Distanzen (sechs bis 14 Kilometer) ausgelegt sind. Ein Highlight war im letzten Sommer z.B. der Gesamtsieg beim „Lindetwald-Lauf“ in Suben (ca. sieben Kilometer), weil ich auf dieser Strecke oft noch auf dem letzten Kilometer überholt und dadurch vom Treppchen gestoßen worden bin. Im letzten Jahr habe ich mich daher den Anstieg ab Kilometer drei hochgepeitscht und mir am Scheitelpunkt gedacht: „Den Sieg holst du jetzt endlich!“ Hat dann auch geklappt. Es war wirklich ein gutes Gefühl und hat mir gezeigt, dass ich die erforderliche Tempohärte drauf habe und die nötige Konzentration für den Gesamtsieg aufbringen kann. Ein weiterer Höhepunkt war der Gesamtsieg beim Geländelauf in Ruhstorf 2018 (7,5 Kilometer). Zum einen, weil es ein Heimsieg war und ich die Vereinsehre hoch halten konnte. Zum anderen konnte ich meinen Trainer Andreas „beerben“ und mit dem ruhigen Gewissen entlassen, dass er mir entscheidende Dinge über Laufen und Wettkämpfe beigebracht hat. Ansonsten bin ich großer Anhänger der Panoramaläufe in Österreich, an denen ich regelmäßig teilnehme: Rund um den Wolfgangsee, Mondseelauf, Kaiserwinkl-Halbmarathon und die Hausruck-Challenge. Schön ist es auch, wenn wir eine Mannschaft stellen und auf niederbayrischen und bayerischen Meisterschaften antreten, bei denen wir schon einige Titel im Cross und auf der Straße holen konnten.

Hdl: Auf welche deiner Bestzeiten bist du besonders stolz?

Oliver: Im Jahr 2016 habe ich meinen bislang besten Halbmarathon abgeliefert.  Auf einem meiner Lieblingswettkämpfe, dem Halbmarathon in Cham, konnte ich mit der oberpfälzerischen Lauflegende Lothar Loth die ersten zwölf Kilometer gemeinsam bestreiten. Er hat mich mitgezogen und mir beim Einteilen der Kräfte geholfen. Die zweite Hälfte war zwar hart und windig, aber ich konnte in 01:16:17 Stunden finishen, was seither meine Bestzeit auf dieser Distanz ist. Ansonsten ist mir der 10-Kilometerlauf in diesem Februar in Bad Füssing extrem wichtig gewesen. Es handelte sich zwar nicht um eine Bestzeit, aber um einen sehr emotionalen Wettkampf. Ursprünglich hatte ich eine Zeit satt unter 35 Minuten angepeilt (bisherige Bestzeit steht bei 35:15 Minuten aus 2017) und dafür den kompletten Winter intensiv und hart trainiert, doch die widrigen Wetterbedingungen (Schneeregen und Glätte) haben allen Teilnehmern und so auch mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. So konnte ich zwar „nur“ in 35:51 min ins Ziel laufen, das Besondere war für mich, dass ich diesen Lauf für eine geliebte Person bestritten habe, die wenige Tage vor diesem Wettkampf verstorben ist. Zunächst wusste ich nicht, ob ich überhaupt antreten werde können, denn meine Beine waren schwer wie Blei und meine Gedanken in tiefer Trauer verhangen. Doch sagte mir mein Herz, dass sie nicht gewollt hätte, dass ich nach der langen und harten Vorbereitung auf diesen für mich so wichtigen Wettkampf verzichte. Wäre sie noch am Leben gewesen, wäre sie beim Zieleinlauf gestanden und hätte mir zugejubelt. Sie wäre stolz auf mich gewesen, so wie sie es immer war. Also habe ich gekämpft, mich trotz Schnee und Kälte durchgebissen und einen guten Wettkampf gemacht. Sie hat mir von oben zugesehen und das habe ich gespürt. Durch diesen besonderen Hintergrund wurde der Lauf in Bad Füssing 2019 zu der „Bestzeit“, die mir bislang am wichtigsten war.

Hdl: Wie viel Zeit investierst du ins Training und zu welcher Tageszeit absolvierst du am liebsten deine Einheiten?

Oliver: Wenn der Job, der mich oft auch an den Wochenenden fordert, es zulässt, peile ich konsequent einen Umfang von 100 bis 130 Kilometer wöchentlich an. Dies wird, je nach Trainingsziel, auf sieben bis acht Einheiten verteilt, Ausgleichs- und Stabi-Training noch nicht eingerechnet. Am liebsten laufe ich morgens nach dem Frühstück. Der Tag ist frisch, der Körper fit, der Kopf klar. Überhaupt nicht mag ich die Zeit zwischen 14 und 16 Uhr. Entweder ist man schon geschlaucht vom halbgaren Arbeitstag oder noch im Verdauungskoma nach dem Mittagessen. An einem schönen lauen Sommertag kann auch ein lockerer Lauf am Abend sehr viel Spaß machen.

Hdl: Tempo oder Dauerlauf? Was sind deine favorisierten Trainingseinheiten?

Oliver: Ganz klar Tempo und da die (richtig) langen Fahrtspiele! 12 x 4 Minuten zum Aufrütteln, 5 x 8 Minuten zum Verausgaben, Bergsprints bis der Oberschenkel brennt. Beim Dauerlauf bin ich hingegen oft ungeduldig und möchte spätestens nach 1,5 Stunden aufhören. Nicht, weil mir die Kraft ausginge, sondern weil es anfängt, langweilig zu werden. Da aber die langen Einheiten die Grundlage für das effektive Training stellen, diszipliniere ich mich, konsequent zu bleiben und die erforderlichen Umfänge auszuschöpfen.

Hdl: Du wohnst in Bad Griesbach/Bayern. Wie sind dort deine Trainingsmöglichkeiten?

Oliver: Das Rottal bietet alles, was das Läuferherz begehrt. Bad Griesbach zeichnet sich durch viele abwechslungsreiche Strecken aus, denen ihr hügeliger bis bergiger Charakter gemein ist. Man findet asphaltierte und gut ausgebaute Radwege nach Pocking oder Richtung Bad Birnbach, kann Waldläufe im Steinkart, Bergsprints in Richtung Tettenweis oder schöne Panorama-Läufe durchs Hinterland machen. Da ich von meiner Wohnung aus in jeder Himmelsrichtung einen Anstieg bezwingen muss, kann ich mich auch über fehlende Höhenmeter nicht beklagen! Griesbach ist zudem ein Windloch, wenn du mit charmantem Rückenwind startest, kommt das dicke Ende noch auf dich zu…

Hdl: Musstest du schon einmal länger verletzungsbedingt pausieren, und wie beugst du Verletzungen vor?

Oliver: Zum Glück blieb ich bislang von langwierigen Verletzungen verschont, ausgenommen den üblichen kleineren Überlastungen oder Ermüdungserscheinungen. Einmal nur bin ich beim Crosstraining im Neuburger Wald umgeknickt und habe mir den Fuß gebrochen. Schon nach drei Wochen war ich aber wieder im Laufschuh und auf der Strecke. Ich beuge Verletzungen vor, indem ich unterschiedliche Laufschuhe verwende und viel Stabi-Training mache (vor allem Liegestütze und Klimmzüge). Das stärkt den unteren Rücken, der bei mir eine Schwachstelle darstellt. Da ich im Beruf extrem viel sitze, ist die Gefahr von Fehlhaltungen und Verspannungen groß. Auch das typische „Einknicken“ in der Hüfte bei Erschöpfung kommt von zu schwacher Rumpfmuskulatur. Zudem dehne ich intensiv und nutze jeden Tag eine Faszien-Rolle. Ansonsten achte ich auf meine Ernährung, d.h. ich esse wenig bis kein Schweinefleisch, viel Obst und Gemüse, verzichte seit Jahren komplett auf Alkohol und zuckerhaltige Getränke und koche grundsätzlich selbst.

Hdl: Du läufst aktuell alles bis zum Halbmarathon. Was planst du für die Zukunft? Reizt dich die Königsdisziplin, der Marathon?

Oliver: Einen Marathon bin ich sogar schon gelaufen, nämlich als einziger Läufer den Bad Griesbacher Nordic-Walking-Marathon im Jahr 2010. Das war zwar eine tolle Erfahrung, konnte mich aber nicht vollends für die 42 Kilometer begeistern. Marathontraining ist vor allem eine Frage der zeitlichen Ressourcen. Noch mehr Stunden ins Training kann ich aktuell nicht investieren, so dass der Marathon noch außen vor bleibt. Aufgeschoben heißt aber nicht aufgehoben! Der konkrete Plan für die Zukunft liegt indes im Ausreizen und Verbessern meiner Zeiten auf 10 Kilometer und dem Halbmarathon. Auf zehn Kilometer möchte ich unter 34 Minuten schaffen, im Halbmarathon unter 01:15 Stunden. Das habe ich in den Beinen, bekomme es allerdings im Wettkampf (noch) nicht auf die Straße, weil ich entweder nicht fokussiert genug bin oder zu viel nachdenke (Berufskrankheit…). Ich bin aber guter Dinge und kämpfe mich Jahr für Jahr und Wettkampf für Wettkampf näher an mein Ziel heran. Wenn die Marken gefallen sind, suche ich vielleicht neue Herausforderungen auf längeren Distanzen.

Hdl: Trainierst du alleine oder auch mal in einer Gruppe?

Oliver: Sowohl als auch. Wir haben eine tolle Laufgruppe in Fürstenzell, die von meinem Trainer Andreas Schober geleitet wird. Sie trifft sich zweimal in der Woche und absolviert das wettkampfgerechte Tempotraining miteinander. Oft bin ich auch mit Maximilian Krammer, ebenfalls SVG Ruhstorf, durch die „Rottaler Pyrenäen“ geheizt, was extrem viel Spaß gemacht hat. Ansonsten ziehe ich meine Bahnen alleine, was ich sehr entspannend finde, da ich dabei gut abschalten kann. Auch wenn es etwas zu grübeln gibt, bewirkt ein Dauerlauf wahre Wunder.

Hdl: Wenn du nicht gerade läufst, wie verbringst du sonst deine Freizeit?

Oliver: Ich nutze freie Zeit für ausgedehnte Spaziergänge mit meinem Hund. Ansonsten verlagert sich ein Großteil meines Berufs auch in die Freizeit, da ich neben der praktischen juristischen Betätigung im Schwerpunkt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Passau tätig bin und zudem auf Fachtagungen reise und referiere. Da müssen die Laufsachen dann eben mit auf Tour und es wird früh vor der Sitzung und abends nach der Besprechung trainiert. So gehen Arbeit und Freizeit fließend ineinander über. In den wenigen Augenblicken echter Freizeit höre ich – anders als beim Laufen – sehr gerne Musik oder schreibe an Texten.

Hdl: Danke für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg und Gesundheit!

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