Sind Läufer die schlechteren Menschen?

#Kolumne

Langer Lauf im angenehmen Tempo, das bringt Gefahr, dass ich mich verdenke.  Im schlechteren Fall hänge ich am Ende des Laufs ausgeknockt in der Grübelschleife, im besseren treffen sich Pro und Kontra in einer erlösenden Erkenntnis. Bei der heutigen Runde geht’s auf den nächsten Waldhügel rauf und wieder zurück. Die ersten Schritte sind also zach, und prompt geht es los:

Laufen ist gerade ziemlich in. Corona treibt die Massen ins Freie und auf die Laufstrecken. Das gibt uns, die wir schon länger durch die Gegend hasten, recht. Wir haben ja schon immer das Richtige getan. Es ist ein alter Hut, dass wir uns durch unser Hobby jünger, gesünder und leistungsfähiger erhalten. An Ressourcen verbrauchen wir nur ein bisserl O2 und ein paar Schuhe, während Pandemien verdünnen wir unsere Virenlast durch Frischluft. Wir dürfen uns sogar ungestraft der Sport-Sucht bezichtigen, denn weder die Ausgeburten des Spitzensports noch Kulturliebhaber konnten zwingend belegen, dass Sport Mord sei. These: Wir Läufer sind die besseren Menschen.

Eine so groteske Überhöhung provoziert Widerstand im Stammhirn. Und der beginnt sich zu formulieren, während ich in den Wald hinein- und die matschige Forststraße hinauftrotte:

Gesund? Viele von uns haben derart ausgemergelte Gesichter, dass uns eher vorzeitige Vergreisung statt ewiger Jugend zugeschrieben wird. Den Umweltbonus verspielen wir schon, weil wir nur wie Wildschweine durchs Wildtiergebiet trampeln und keine sind, im Minus sind wir spätestens nach Corona, wenn wir wieder per Auto oder Flugzeug zu Marathons oder sonstigen Laufevents in aller Welt reisen. Und wurden wir im Namen der Wertschöpfung noch nicht vom Berg überflüssiger Ausrüstung erschlagen, so verschütten uns doch die in alle Social- und Mass Media-Kanäle abgehenden Infomercialtainmentundsoweiterlawinen und hinterlassen uns als gehirngewaschene Konsumroboter. Antithese: Wir Läufer sind die schlechteren Menschen.

Den Waldgipfel habe ich inzwischen erklommen, die Sonne blinzelt durch die Bäume, und der Rückweg hinunter auf einem schmalen Wanderweg wird leichter. Wenn die Beine Flügel bekommen, überflügelt dann auch eine Auffassung die andere?

Nein, beide sind zu simpel. Wo Licht ist, ist Schatten, wer geht, hinterlässt Spuren, und auf die Bestzeit folgt der Leistungsabfall. Das kanns noch nicht gewesen sein. Doch je schneller es bergab geht, desto weniger neue Argumente kommen nach, und die alten gehen am Weg verloren wie Erdklumpen, die von der Profilsohle bröckeln.

Und so ergibt sich die Lösung von selbst. Sie liegt nicht im Richtig oder Falsch und auch nicht dazwischen. Sie liegt zwischen den vereisten Matschtümpeln und rutschigen Wurzeln, wo ich in Windeseile für jeden Schritt den passenden Platz finden muss – diese Aufgabe verdrängt nun alles andere. Ob ich deswegen morgen gesünder bin oder nicht, ist egal, weil es jetzt keine Zukunft mehr gibt. Die Umwelt wird von mir weder be- noch entlastet, sondern ich bin Teil davon. Und weil ich jetzt nur mehr laufe und damit all die Stimmen, die vom Laufen erzählen, zum Schweigen gebracht habe, ist auch die Laufuhr nur mehr ein schwarzes Ding am Handgelenk und das Laufapp-Profil nur mehr eine vergessene Erinnerung.

Erfrischt trabe ich die letzten Schritte zur Haustür, lässiger Lauf. Hat sich über die Hintertür doch eine Art Synthese eingeschlichen? Laufen, ohne zum Läufer zu werden? Klingt ja als Slogan fürs Web ganz okay.

Sportliche Grüße, Herbert!

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