Sport für Menschen mit Down-Syndrom?

Autorin Anita Kinle

Anita und Thomas Kinle, beide Jahrgang 1964 und in Nürnberg geboren, sind seit 1984 verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Kinder: Thomas jun., geb. 1999 und Cosima geb. 2004. Thomas Junior wurde mit dem Down-Syndrom geboren. Anita und Thomas Kinle haben zusammen mit anderen Sportlern 2007 den „Laufclub 21“gegründet. 2010 in Fürth die Thomas Benjamin Kinle Beratungsstelle eingerichtet und zwei Jahre später die Fürther Stiftung für Menschen mit Down-Syndrom ins Leben gerufen.

Sport für Menschen mit Down-Syndrom?

Für alle Menschen hat der Sport in unserer Zeit eine besondere Bedeutung. Die Förderung der sozialen Kontakte, die Fitness, die Erfolgserlebnisse und natürlich auch die gebotene Zielstrebigkeit wirkt auf jeden Bereich unseres Mensch-Seins. Seit 2007 beschäftigte ich mich damit Menschen mit Down-Syndrom den Ausdauersport näher zu bringen und sie in »normale« Wettbewerbe zu integrieren. Mit der Hilfe von vielen Freiwilligen haben wir bisher rund 200 Sportlerinnen und Sportler mit Down-Syndrom trainiert und auf vielen Wettkämpfen betreut und begleitet. Es gab keine langen Diskussionen und keine große Inklusionsbemühung, denn im Prinzip ist alles ganz einfach. Die Menschen, die möchten und können, sollen einfach mitmachen und trotzdem gibt es natürlich Unterschiede, die Berücksichtigung finden müssen.

Was ist beim Training zu beachten?

Unser Training ist durchaus sportlich und leistungsorientiert, aber nicht »verbissen«. Das Training muss sich flexibel an die Form einzelner Sportler anpassen. Jeder einzelne findet seine persönliche Norm und wird wie jeder andere Sportler an seine Leistungsgrenzen geführt. Es wäre falsch, die Fähigkeiten der Sportler mit Down-Syndrom zu unterschätzen. Die Vereinsstatistik zeigt wie hoch das Leistungsvermögen der Einzelnen ist. Seit dem Jahr 2007 weiß ich: es wird keine Ausnahme bleiben, dass Menschen mit Down-Syndrom Ausdauersport betreiben. Ein wesentlicher Schlüssel für den Erfolg ist die Ernährung im Wettkampf und im Training. Studien zur Anpassung des Bewegungsapparates, des kardiovaskulären Systems und der Stoffwechselprozesse für den Ausdauersport bei Menschen mit Down-Syndrom gibt es nicht. Wir haben uns langsam und vorsichtig herangetastet und das entwickelt, was man einen empirischen Rahmen nennen könnte.

©Anita Kinle

Im Training und im Wettkampf gilt:

• Konstant und von Anfang an Flüssigkeit zuführen

• Konstant und von Anfang an Kohlehydrate zuführen

• Die Umstellungsprozesse des Stoffwechsels sind verzögert

• Die Anpassung der Bänder und Sehnen dauert länger

• Die Anpassungsdauer der Muskulatur ist adäquat

• Der eine oder andere benötigt Motivationsreize

Ich konnte im Laufe der Jahre beobachten, dass der Umstellungsprozess des Stoffwechsels bei langen Trainingseinheiten verlängert ist. Ich meine damit konkret die Phase bei der der Fettstoffwechsel der Leber beginnt. Konsequenzen: Im Training führen daher alle einen »Wassergurt« mit. Ebenfalls haben wir immer Gels oder Riegel dabei. Bei Einheiten von bis zu einer Stunde heißt es: Trinken und Essen nach Bedarf, mindestens aber alle 15 Minuten einen Schluck Kohlehydratreiches Getränk. Bei Einheiten, die länger als eine Stunde dauern, wird systematisch und regelmäßig getrunken und gegessen: alle 15 Minuten trinken, alle 30 Minuten Sport adäquate Ernährung wie Bananen, Energie-riegel oder -Gels. Dieses System hat sich bewährt und unseren Sportlern blieben unschöne Erfahrungen wie Hungerast und Leistungsabbruch weitestgehend erspart.

Die Anpassung des Körpers für Ausdauersport

Übliche »Begleiterscheinungen« beim Ausdauersport sind: Anstieg der Pulsfrequenz, Konzentrationsprobleme und ein relativ plötzlich einsetzendes Ermüdungsgefühl. Letzteres wird oftmals als der »Mann mit dem Hammer« oder »Hungerast« bezeichnet und ist allen Ausdauersportlern als ein plötzlich eintretendes Gefühl tiefer Erschöpfung bekannt und von ihnen gefürchtet. Mit Verbesserung der Kondition ist die Gefahr eines solchen Hungerasts nicht mehr so groß. Das kardiovaskuläre System passt sich nach und nach an. Dazu kommt die wachsende Erfahrung des Sportlers durch die eine Eskalation dieses Mangelzustands rechtzeitig vermieden werden kann. Üblicherweise durch das rasche Zuführen von schnell verwertbaren Kohlehydraten und individuell angepasste Durchhalteparolen, also mentales Überwinden der Leistungsdelle. Der Umstellungsprozess des Stoffwechsels bei Menschen mit Down- Syndrom ist ausgeprägter und verlängert im Vergleich zu Sportlern ohne Down-Syndrom. Diese Erfahrungen haben wir im Training und in vielen Wettkämpfen machen können. Das könnte an einer niedrigeren Effizienz des Stoffwechsels an sich liegen und an verzögerten Prozessen bei der Einschleusung und Verwertung von Stoffen im Organismus. Dieses Phänomen wirkt sich in der Folge dann auch auf den ebenfalls verzögerten Entgiftungsprozess aus. Sport spezifisch geht es dabei insbesondere um den Laktat Abbau. Unsere Strategie liegt deswegen darin, diesen Prozess möglichst zu vermeiden oder wenigstens abzufedern. Eine solide Grundlagenausdauer ist, wie bei allen Sportlern, dafür die Basis.

Training

Wir bestreiten 90% unseres Trainings im Grundlagenausdauerbereich. Dies ist der Trainingsbereich, in dem sich nicht oder nur wenig Laktat ansammelt. So verzichten wir zum Beispiel weitgehend auf Intervalltraining auf der Bahn (hohe Verletzungsgefahr für Bänder und Gelenke) und setzen Trainingsreize zur Leistungssteigerung eher bei Berganläufen. Dies schont den Bewegungsapparat der Sportler. Die Trainingsumfänge steigern wir nur sehr langsam. Während gängige Trainingsprogramme zehn Kilometer in sechs Wochen versprechen, nehmen wir uns hierfür mindestens drei Monate Zeit. Im Jahr 2007, in unseren Anfängen, nahmen wir uns sogar drei Monate Zeit um »nur« von null auf drei Kilometer zu trainieren. Hier konnten wir mittlerweile die Erfahrung machen, dass in drei Monaten meist zehn Kilometer erreicht werden können. Für die Gestaltung des Trainings sind Bänder und Sehnen ein weiteres wichtiges Thema. Während man grundsätzlich davon ausgeht, dass sich Bänder und Sehnen an neue Trainingsreize innerhalb von vier bis sechs Monaten anpassen können, benötigen Sportler mit Down-Syndrom für derartige Veränderungen bis zu einem Jahr. Bei vielen Menschen mit Down-Syndrom sind Bänder und Sehnen »nachgiebiger«. Im Training, wenn sich ein »wackliger« Laufstil einschleicht, ist das bemerkbar und muss besonders beachtet werden. Die Anpassung der Muskulatur geschieht hingegen praktisch im »Normalbereich«. Genau darin liegt ein spezifisches Risiko von Sportverletzungen! Bänder und Sehnen können von der Muskulatur, die sozusagen einen Trainingsvorsprung hat, überbelastet werden. Wir bieten deswegen (u.a.) im Training Trailläufe quer durch den Wald an, damit die Sportler ihre Reaktion und Geschicklichkeit trainieren können. Und natürlich um Bänder und Sehnen zu stärken. Regelmäßige Übungen zur Verbesserung der Stabilität runden das Programm ab. Bei langen Läufen bieten wir immer die Möglichkeit eines vorzeitigen und kalkulierten Ausstieges an oder wir führen Rundläufe durch, bei denen die Sportler von Runde zu Runde aussteigen können. Eine solche Runde ist zum Beispiel einen Kilometer lang wir haben immer ein wachsames Auge auf unseren Trainingspartner mit Down-Syndrom und tasten uns langsam und vorsichtig an die Trainingsziele heran. Die beeindruckenden Erfolge vieler Marathonis bestätigen uns in dieser Vorgehensweise.

Sind unter solchen Bedingungen überhaupt (individuell unterschiedliche) Höchstleistungen möglich?

Die Antwort lautet: Jain! Frei nach dem Prinzip „Der Spatz in der Hand ist uns lieber als die Taube auf dem Dach“, konnten wir bisher nennenswerte Verletzungen vermeiden. Das hat für uns oberste Priorität. Wir lassen den körperlichen Anpassungsprozessen an die Trainingsreize ausreichend Zeit. Das kann man sich, wie wir meinen, angesichts der ansonsten erhöhten Verletzungsgefahr »leisten«. Denn schließlich betreibt hier niemand Leistungssport mit Profi-Ambitionen. Was aber ganz und gar nicht ausschließt, dass individuelle Ziele ausgesprochen ambitioniert sein können — auch im Vergleich mit »normalen« Sportlern!

Sportliche Grüße von Anita!

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