Teil 68 (KW 40/2019): Olaf Brockmann

Olaf Brockmann (rechts) mit Marathon-Ass Eliud Kipchoge

Olaf Brockmann ist eine absolute Journalisten-Legende. Der 66-Jährige hat in Deutschland für die Nachrichtenagentur „sport-informations-dienst“ von 1972 bis 1983 und in Österreich für „Die Presse“ von 1983 bis 1986 sowie für die „Kronen Zeitung“ von 1986 bis 2017 gearbeitet. Brockmann (Jahrgang 1953) hat von zwölf Olympischen Spielen und in diversen Sportarten von circa 270 Europa- und Weltmeisterschaften berichtet. Sein journalistischer Schwerpunkt war und ist auch jetzt noch in der Pension die Leichtathletik. Er selbst war Jogger. Zum Laufen kam er durch Manfred Steffny, 1968 und 1972 Olympia-Teilnehmer im Marathon, mit dem er in Düsseldorf jahrelang in einer Redaktion in einem Zimmer gesessen ist.

Helden des Laufsports: Guten Tag Olaf. Du kommst ursprünglich aus Rostock (Norddeutschland). Wie kam es dazu, dass es dich einige Jahre später nach Wien und zur „Kronen Zeitung“ verschlagen hat?

Olaf: Meine Eltern sind mit uns Kindern bereits 1953 in den Westen geflüchtet, ich bin in Erkrath bei Düsseldorf aufgewachsen und habe schon während meiner Schulzeit an den Wochenenden für den „sport-informations-dienst“ (sid) gearbeitet und war schon bei den Spielen in München 1972 dabei. In Hinblick auf Olympia in Moskau habe ich intensiv Russisch gelernt und war 1980 vier Monate lang für den “sid” in Moskau Olympia-Korrespondent. Nach den Spielen habe ich neben dem Beruf als Journalist in Düsseldorf Geschichte mit Schwerpunkt Russische Geschichte und Germanistik studiert. Da ich mich für ein Thema der österreichisch-russischen Beziehungen Ende des 17. Jahrhunderts interessierte, ging ich aus Forschungsgründen im September 1983 nach Wien. Dort arbeitete ich zunächst für „Die Presse“ im Sport-Ressort, wechselte nach einem Angebot von Michael Kuhn im Februar 1986 in den Sport der „Kronen Zeitung“. Neben meiner Tätigkeit als Sportjournalist schloss ich im Frühjahr 1988 mein Studium als Magister der Geschichte und Germanistik in Wien ab über eine Arbeit zur Russischen Geschichte, die auch in den Jahrbüchern der Geschichte Osteuropas (Band 38, 1990) veröffentlicht wurde: Der Bruch Peters des Großen mit Alt-Moskau. Korbs Diarium und Diplomatenbericht aus Moskau zu den Ereignissen der Jahre 1698 und 1699.

Hdl: 31 Jahre bist du für die „Krone“ unterwegs gewesen. Weltweit bist du der einzige Journalist der einschließlich Doha 2019 alle 34 Weltmeisterschaften (17 Outdoor, 17 Indoor) live mitverfolgt hat. Welche war für dich die Prägendste?

Olaf: Eine allein kann ich nicht als Prägendste herausstreichen. Jede WM, ob Freiluft oder Halle, hatte seine großen Reize. Aber zu den ganz besonderen Weltmeisterschaften zählten für mich die Premiere in Helsinki 1983, die WM 1991 in Tokio mit dem irrsinnigen Weitsprung-Duell Mike Powell gegen Carl Lewis, Stuttgart 1993 wegen der großartigen Stimmung und auch wegen der Bronze-Medaille von Sigrid Kirchmann, Berlin 2009 mit den Bolt-Rekorden und London 2017, einem der größten Leichtathletik-Feste überhaupt. Von der Halle fallen mir spontan ein Budapest 1989 mit den drei großen Weltrekorden an einem Abend (Paul Ereng/800 m, Javier Sotomayor/Hoch und Elly van Hulst/3000 m) sowie Maebashi 1999 mit dem Sensations-Double über 1500 und 3000 m von Haile Gebrselassie.

Hdl: … und was blieb dir von den Olympischen Spielen hängen?

Olaf: Ach, da müssten wir ein paar Sonderausgaben machen. Ich hatte ja das Glück, fast immer alle Schwimm- und alle Leichtathletik-Entscheidungen komplett zu sehen. Im Schwimmen von Mark Spitz in München 1972 bis Michael Phelps 2016, in der Leichtathletik von Waleri Borsow in München 1972 bis Usain Bolt in London 2016, im Triathlon der Sensationssieg von Kate Allen in Athen 2004 mit dem furiosen 10-km-Lauf, im Judo die beiden Goldenen von Peter Seisenbacher, im Segeln die beiden Goldenen von Roman Hagara/Hans Peter Steinacher, Bronze von Theresia Kiesl 1996 oder die Silberne von Steffi Graf 2000 und natürlich die beiden Silbernen von Markus Rogan 2004. Also, meine Olympia-Erlebnisse kann ich beim besten Willen nicht auf ein paar Sätze reduzieren. Von der Stimmung im Stadion und vom Flair in der Stadt waren Barcelona 1992, Sydney 2000 und London 2016 (aber nur wegen der Leichtathletik) die großartigsten Spiele.

Hdl: Du hast etliche Sport-Stars wie Muhammad Ali, Usain Bolt u. v. a. m. kennen gelernt und interviewt. Welcher dieser Stars war dein persönliches Highlight?

Olaf: Die Begegnungen mit den ganz Großen wie Ali, Bolt, Lewis, Spitz oder Phelps waren natürlich alle bewegend. Meine persönlichen Highlights aber waren die Interviews mit Haile Gebrselassie und Eliud Kipchoge. Beide haben ein unglaubliches Charisma. Hinzu kam, dass ich beide ausführlich und sehr privat in ihrer Heimat besuchen und interviewen konnte. Haile interviewte ich gemeinsam mit Andreas Maier, dem Pressechef des Vienna City Marathons, in Addis Abeba in dessen Büro, bei ihm zu Hause, einer kleinen Residenz, und auf einer kurzen Reise in Äthiopien. Bei Eliud Kipchoge war ich mit drei weiteren Kollegen im Rahmen der IAAF-Serie „Day in the Life of Eliud Kiochoge“ in Kenia zu Besuch, bei seinem Training in Eldoret und im Trainingscamp von Global Sports in Kaptagat. Auf derselben Reise war ich übrigens noch zu Tegla Loroupe zum Dinner bei ihr zu Hause eingeladen. Ein weiteres von wirklich unzähligen Highlights. Ich habe sehr, sehr viel Glück gehabt im Leben!

Hdl: Bleiben wir beim Laufsport. Welche war für dich die größte läuferische Laufleistung, die du live miterleben durftest?

Olaf: Auch nicht leicht zu beantworten, zu viel gesehen, zu viel erlebt. Am frischesten ist da der Fabel-Weltrekord von Eliud Kipchoge in Berlin 2018, der dürfte wohl auch noch lange Zeit in meiner Erinnerung ganz oben rangieren. Schwer zu toppen! Oder all die Weltrekorde in Zürich, wo ich seit 1975 Stammgast bin, wobei der Letzigrund-Abend 1981 mit den Rekorden von Renaldo Nehemiah (erster Hürdensprinter unter 13 Sekunden) und von Sebastian Coe über die Meile für mich dort die prägendste Erinnerung ist. Stärker als die Weltrekorde von Usain Bolt oder Michael Johnson zählen für mich aber die ganz großen Duelle, wobei das 10.000-m-Finale von Sydney 2000 mit dem hauchdünnen Sieg von Haile Gebrselassie gegen Paul Tergat die Sensation bleibt. Von den großen Frauen-Rennen sind mir viele Läufe von Paula Radcliffe am stärksten präsent – wie ihr Marathon-Weltrekord, den ich in London 2003 erleben durfte, oder ihr großartiges 10.000-m-Solo bei der EM in München 2002.

Hdl: Stimmt es, dass du 2007 in Osaka/Japan nach dem Sturz von Österreichs Lauf-Ass, Günther Weidlinger direkt mit ihm ins Krankenhaus mitgefahren bist – und wie hast du damals die Situation erlebt?

Olaf: Ja, das ist richtig. Der Sturz passierte am Hindernis eingangs der Kurve nach der Zielgeraden, also genau vor der Pressetribüne. Jedem Augenzeugen war die Dramatik, die furchtbare Tragweite des Sturzes sofort sonnenklar. Günther ist, wie hinlänglich bekannt, bewusstlos unter dem Hindernis liegen geblieben. Kein Wunder, wie er mit dem Kopf gegen das Hindernis geknallt war! In ein paar Sekunden war ich über ein, zwei Absperrungen hinweg bis hinunter zum Rand der Laufbahn geeilt, erlebte dann, wie Günther auf der Bahn behandelt und dann auf einer Bahre abtransportiert wurde. Ich folgte den Sanitätern, die Günther abtransportierten, bis zum Erste-Hilfe-Raum, da hatte ich mich niemand aufgehalten. Mit Genehmigung des Mannschaftsarztes und von Vater Weidlinger durfte ich direkt mit ins Krankenhaus fahren. Andere Kollegen von österreichischen Medien trafen später im Krankenhaus ebenfalls ein, und es dauerte dann seine Zeit, bis wir die ersten Prognosen über den Zustand Günthers erfuhren.

Hdl: Welche war die verrückteste Geschichte deiner langjährigen Journalisten-Laufbahn?

Olaf: Da gibt es eine eindeutige Nummer 1: Beim Leichtathletik-Weltcup in Düsseldorf 1977 habe ich für das OK im Presseteam gearbeitet und habe im Infield Flash-Interviews gemacht. Alberto Juantorena, Doppel-Olympiasieger von Montreal 1976 und 800-m-Weltrekordler, hatte beim 400-m-Rennen auf Bahn 8 nach eigenen Angaben den Startschuss nicht gehört, schließlich lief er noch hinterher und wurde Dritter. Junantorena, der tags zuvor das Mega-Duell gegen Mike Boit über 800 m gewonnen hatte, drehte durch, spielte verrückt, trat einen Startblock mit voller Wucht durch die Luft. Schließlich dachte er, ich sei der Starter gewesen, drohte mir wild mit seiner Faust – ein Bild, das durch die Weltpresse ging, selbst in der „Sports Illustrated“ verewigt wurde. Juantorena blieb dabei, dass er den Startschuss nicht gehört habe. Gut möglich, dass der Kubaner wegen Flugzuglärms den Startschuss nicht gehört hatte (in unmittelbarer Nähe des nicht mehr existierenden Rhein-Stadions befand sich der Flughafen Lohausen), es wurde auch nachgewiesen, dass just zum 400-m-Start eine Maschine über dem Rheinstadion geflogen sei. Deshalb entschied die Jury d’Appel nach Protest und Gegenprotest auf einen 400-m-Wiederholungslauf, den Juantorena dann klar gewann. Ein befreundeter Fotograf hatte mir inzwischen ein Schwarzweißbild von Juantorena und mir geschenkt. Darauf versuchte ich, beim Bankett ein Autogramm von ihm zu bekommen. Er ignorierte mich weiterhin, bis Prof. Dr. August Kirsch, DLV-Präsident und OK-Chef, ihn über den Hintergrund aufklärte, Juantorena freundlich zu mir kam und mir ein Autogramm gab. Seitdem sind wir Freunde. Jedes Mal, wenn er mich sieht, droht er mir – schon von weitem – mit der Faust. Freundlich lachend. Die Geschichte habe ich oft geschrieben, auch für das Magazin „Spikes“ unter dem Motto „Die Story hinter dem Bild“:

Düsseldorf 1977

Hdl: Auf welche Leichtathletik-Highlights freust du dich in der Zukunft?

Olaf: Zurzeit befinde ich mich bei der WM in Doha, bei der mit Diskus-Rekordler Lukas Weißhaidinger ersmals ein Österreicher überhaupt bei einer WM eine Medaille feiern konnte (Bronze). Weitere Medaillenhoffnungen sind die Siebenkämpferinnen Ivona Dadic und Verena Preiner. Ein paar Tage nach der WM dann die INEOS 1:59 Challenge im Prater, bei der Eliud Kipchoge die Chance besitzt, als Erster den Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Ich glaube, dass er dies in Wien schafft. 2020 freue ich mich besonders auf die Hallen-WM in Nanjing und die U20-WM in Nairobi. Bei beiden Weltmeisterschaften bin ich jeweils Presse-Delegierter des Leichtathletik-Weltverbandes. Dann kommen schon in Tokio für mich die nächsten Sommerspiele.

Hdl: Gab es auch Athleten, mit denen du „zusammengekracht“ bist?

Olaf: Ach ja. Mit Andreas Berger zum Beispiel, als dieser sogar noch über manche meiner Berichte im Zusammenhang mit seinem Dopingskandal beleidigt war. Wir hatten in der „Krone“ – übrigens genau zu Weihnachten – über seine Urinmanipulation geschrieben. Wenn ich mich recht erinnere, hat sich Michael Kuhn in seinem „Stopplicht“ sogar bei den Lesern entschuldigt, dass wir diese unfeine Sache zu Weihnachten veröffentlichten. Aber da ich diesen Skandal auf einem Protokoll Schwarz auf Weiß hatte, wollte Michel Kuhn die Story auch bringen. Mein Streit mit Andreas Berger ist beigelegt. Die Zeit heilt die Wunden. Wie auch bei Steffi Graf. Ich hatte jahrelang so ziemlich jedes große Rennen von ihr gesehen, war einmal auch wegen zwei ihrer Läufe für ein langes Wochenende nach Australien (Brisbane und Melbourne) geflogen. Aber nach der Hallen-EM in Wien 2002, bei der ich Pressechef war und sie Jolanda Ceplak hauchdünn unterlegen war, hatte sie mit einigen gebrochen, auch mit mir. Inzwischen sind wir wieder gut, sie hat sich mal bei mir entschuldigt, als ich sie bei einem meiner IAAF-Besuche in Monte Carlo (wo sie inzwischen wohnt) zufällig getroffen habe. Ab und an gehen wir jetzt in Monaco auf einen Café.

Hdl: Wenn man dir so auf Facebook folgt, sieht man gleich, dass dir nicht wirklich langweilig wird im Ruhestand! Richtig?

Olaf: Volltreffer. Dass mein journalistisches Leben in der Pension so intensiv weitergeht, hätte ich nie und nimmer gedacht. Heuer war ich wieder von Ende Mai bis jetzt ständig unterwegs, besonders als IAAF Presse-Delegierter für die Diamond League. Nein, fad ist mir nicht. Aber das Reisen und die ehrenamtliche Arbeit für die IAAF macht weiter irrsinnig Spaß. Es ist herrlich, weiter mit all den Stars so eng verbunden zu sein. Das Schöne ist, dass frühere Weltklasse-Leichtathleten wie Sebastian Coe, Sergej Bubka, Alberto Juantorena oder etwa Paula Radcliffe, deren Karrieren ich hautnah verfolgt hatte, in wichtigen IAAF-Positionen sitzen und ich mit ihnen weiter eng verbunden bin. Es wäre auch schwer, nach so langer Zeit in der Leichtathletik plötzlich ganz aufzuhören. Ich bin auch der „Krone“ weiter verbunden, schreibe viel für die Online-Ausgabe, manchmal auch für Print wie gerade vom Weißhaidinger-Sieg aus Minsk, zudem ist es eine Ehre, in der Sendung „Damals“ von Krone-TV über frühere Leichtathletik-Erfolge erzählen zu dürfen – wie kürzlich über den Hochsprung-Weltrekord von Ilona Gusenbauer 1971 in Wien.

Hdl: Was machst du, wenn du nicht gerade an Leichtathletik denkst? Welche Hobbys hast du?

Olaf: Lesen, Kunst und Fotografieren. Aber das Lesen kommt in letzter Zeit zu kurz. Ich bin zu viel unterwegs. Eigentlich hatte ich mir die Pension so vorgestellt, dass ich mit meiner Frau praktisch nur in Wien bin, ins Theater und die Museen gehe. Aber das kommt vielleicht noch mal irgendwann.

Hdl: Letzte Frage: Was sagt das Gefühl? Mehr Österreicher oder Deutscher?

Olaf: „Deutscher.“

Hdl: Vielen Dank für das Gespräch. Es war mir eine Ehre!