„Was ist bitte Trailrunning?“

#Kolumne

… fragt die Mitbewohnerin, als sie mich die Tourismusbroschüre einer nahen Berggemeinde durchblättern sieht. Diese Sportart wird dort mit Gipfelpanoramen beworben, vor denen Menschen mit Trinkrucksäcken am Rücken und einem Lächeln auf den Lippen über Almwiesen springen. „Trail heißt Pfad, oder? Sind das Wegsucher wie im Letzten Mohikaner?“

Was soll ich darauf antworten?

Zugegeben, als erstes bietet das Hirn die zeitkritische Antwortoption an: „Trailrunning ist eigentlich/war früher/sollte heißen: Wald-, Berg- oder Geländelauf – jeder, der nicht nur auf der Straße läuft, macht Trailrunning. Dass das jetzt anders heißt, liegt daran, dass wir alles kategorisieren, um es mess-, bewert- und vermarktbar zu machen. Am Ende stehen wir dann da mit Trailausrüstung, Trailevents und Trailwettkämpfen. Und eigenen Trailregeln, damit man ja nicht falsch trailläuft.“  

So weit so reflexartig.

Doch so wie auch eine aufgeblähte Inszenierung wenigstens ein Körnchen Inhalt enthält, liegen auch unter einem stabilen Gedankenkonstrukt nicht kategorisierte Erfahrungen begraben. Auf eine solche stieß ich fast vor einem halben Leben, auf einem Wanderpfad nicht weit von der Broschürenlandschaft entfernt:

Ich trotte mit gesenktem Haupt einen steilen Weg hinauf, immer so circa fünfzig Meter vor meinen Eltern. Wald, Fels und irgendwo auch ein See umgeben mich, doch ich bemerke nichts davon. Ich bin nicht freiwillig hier. Die gesellschaftlich anerkannte Kinderquälerei „Familienwanderung“ mache ich mir ein wenig erträglicher, indem ich mir im Kopf spätkindliche Abenteuer zusammenfantasiere, die überall spielen, nur nicht dort, wo sich mein Körper gerade befindet. Sollten meine Eltern mit diesem Ausflug beabsichtigen, uns Kindern die Schönheit der Natur näherzubringen, so kann das schon deshalb nix werden, weil ich eigentlich gar nicht hier bin.

Zumindest bis zum Runtergehen.

Zwar ist nun endlich das Ende der Wanderung in Sicht, doch das ständige Abstoppen beim Bergabgehen ist nervig und anstrengend. Irgendwann wird es dann so steil, dass ich mich der Schwerkraft ergebe und anfange zu laufen. Der Wanderrucksack schlenkert in alle Richtungen, und die klobigen Bergschuhe machen es schwer, den Schritt an den Boden anzupassen. Doch mit kleinen Hüpfern und indem ich die Füße mal nach links, mal nach rechts verdrehe, finde ich doch Wege zwischen Wurzeln und Steinen. Und so werde ich immer schneller und schneller, bis ich bemerke: das Bedürfnis, der Gegenwart zu entfliehen, verschwindet, die Phantasiewelten im Kopf lösen sich auf – weil das Bergablaufen meine ganze Aufmerksamkeit erfordert. Ich folge im Zickzack den Serpentinen, schlage Slalomhaken um die bergauf stapfenden Wanderer und kurve Gräben hinab wie Skateboarder in Halfpipes. Und erlebe zum ersten Mal, dass es bei einer Wanderung auch etwas gibt, das Spaß machen kann.

Und so antworte ich: „Trailrunning? Ich glaub, das ist eine Art zu laufen, wo sich manche leichter tun, wirklich nur das zu tun, was sie gerade tun. So gesehen sind sie wirklich ´Wegsucher´. Ich hätte auch einen Werbeslogan: ´Trail – dein Pfad nach innen´.“

Die Mitbewohnerin fragt: „Aber braucht man dafür wirklich einen Trail?“

Ich überlege kurz, während ich die Laufsachen hole: „Nehme ich nicht an.“

„Und muss man dafür überhaupt laufen?“

Ich halte inne. Dann greife ich zu den Laufschuhen und ziehe sie an. „Eigentlich nicht.“

Sportliche Grüße, Herbert!

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