Übergewicht – Wie bekommen wir unseren Nachwuchs in Bewegung?

Von Mario Friedl

Die Zahl der krankhaft fettleibigen Kinder in Österreich könnte sich in den kommenden fünf Jahren verdoppeln. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind 30 Prozent der Buben sowie 22 Prozent der Mädchen zwischen sechs und neun Jahren übergewichtig oder adipös. Das sind alarmierende Zukunftsprognosen. Dieses Thema wird leider seit Jahrzehnten vernachlässigt und kostet den Steuerzahlern, also uns allen, viel Geld – Krankheiten und teure Behandlungen sind meist die Folgen. Gründe dafür gibt es viele. Kinder sitzen vermehrt vor dem Handy, PC oder der Spielkonsole, ernähren sich schlecht und bewegen sich einfach zu wenig. Aber was tun? Neben den Eltern, die für Kinder und Jugendliche ein Vorbild sein sollten, ist auch das Thema Turnunterricht in den Schulen immer wieder in aller Munde. Hier ist dann auch schnell von der täglichen Sportstunde die Rede. Klingt logisch, aber mangelhafte Infrastruktur und fehlendes Personal machen die Sache nicht ganz so einfach.

Wir haben mit drei Experten gesprochen die es wissen müssten. Drei, die in ihrem Berufsleben fast täglich mit unseren Kindern zusammen sind. Vielleicht finden wir hier die Antwort auf die so wichtige Frage: Wie bekommen wir unseren Nachwuchs in Bewegung?

Christian Pflügl: Ehemaliger Profiläufer und jetziger Lauftrainer.

Christian Pflügl

Klaus Angerer: Mehrfacher Sprintstaatsmeister, Sportlehrer und Leichtathletiktrainer.

Klaus Angerer (links)

Agnes Kressl: Sportlehrerin und selbst sportbegeistert.

Agnes Kressl

Helden des Laufsports: Sind die oben angeführten Zahlen wirklich so alarmierend? Wie kritisch seht ihr diese Entwicklung?

Christian: Die Zahlen sind mir nicht bekannt und daher kann ich diese auch nicht beurteilen. Was ich aber beurteilen kann, ist das was ich in den letzten zwei Jahren in den Schulen (17 Klassen und 359 Schülern pro Woche) als Bewegungscoach gesehen habe. Und das ist für mich, nicht nur in sportlicher Hinsicht, sehr alarmierend.

Klaus: Meiner Meinung nach sind die Zahlen in den Großstädten sicher richtig, aber bei uns am Land (Schärding) sind sie sicher nicht so hoch, aber trotzdem bedrohlich und sicher jährlich am Steigen.

Agnes: Ja, ich glaube diesen Zahlen. Bei uns am Land ist es meiner Meinung nach noch nicht so schlimm, da die Kinder auch wirklich noch an die frische Luft kommen und oft auch dürfen, aber in den Städten dürfte sich die Situation wirklich schon so dramatisch zuspitzen.

Helden des Laufsports: Krankheiten wie Diabetes zum Beispiel sind da ja fast schon vorprogrammiert. Macht hier die Politik zu wenig? Am Ende kostet das alles ja auch viel Geld.

Christian: Über Bewegungsmangel und dessen Folgeerkrankungen sprechen wir schon seit vielen, vielen Jahren. Leider wird nur darüber gesprochen, es fehlen schlichtweg die Taten. In Zeiten des Fachkräftemangels, sollte auf gutes und qualifiziertes Personal (Trainer, Lehrer) gesetzt werden. Diese Tätigkeiten sollten auch fair honoriert werden.

Klaus: Ich glaube, dass man nicht alles immer auf die Politik abschieben darf. Früher hat es diese Probleme auch nicht gegeben. Teilweise kommt es mir vor, dass es uns zu gut geht.

Agnes: Meine ganz persönliche Meinung ist, dass die Politik gegen die riesigen Technologiekonzerne, die mit ihren „digitalen Spielgeräten“ wie Smartphones, Tablet und co., weder etwas bewirken kann noch will.

Helden des Laufsports: Ist die sogenannte tägliche Sportstunde mehr Schein als Sein? Was wäre eurer Meinung nach das perfekte Modell?

Christian: Dazu müsste ich jetzt eine A4 Seite vollschreiben. Ich war zwei Jahre als Bewegungscoach in vier Volksschulen und einer Neuen Mittelschule unterwegs. Es war für mich eine unglaubliche und lehrreiche Erfahrung mit Schülern, Lehrern und Direktoren zu arbeiten. Mein Ziel und Zugang war es, den Kindern nicht nur Freude und Spaß an der Bewegung zu vermitteln, sondern den Kindern auch eine gewisse Grundausbildung mitzugeben. Mein Unterricht fand mehr oder weniger Outdoor und selten in der Sporthalle statt. Leider wurde dieses „Projekt“ bereits nach zwei Jahren seitens (meines) Dachverbands wieder beendet. Eigentlich haben sich die Lehrer, Eltern, Schülern und Direktoren eine Fortsetzung dieses Projektes und eine weitere Zusammenarbeit mit mir gewünscht. Das Schuljahr 2019/2020 war bereits geplant. „Meine“ Schulen wurden zur Weiterführung der täglichen Sportstunde nicht einmal befragt. Leider hörte man am Ende nur: Sorry, kein Geld mehr! Es wäre ganz wichtig mehr ausgebildete und erfahrene Sportlehrer/innen, die selbst jahrelang Sport praktiziert haben, für diesen Job auszubilden. Wichtig wäre auch, wenn wir uns nicht immer von Projekt zu Projekt zu hanteln würden, weil dann bereits geleistete Arbeit wieder wie Strohfeuer erlischt. Auch für den Leistungssport wäre das eine Möglichkeit, Talente zu erkennen und zu fördern.

Klaus: Diese Idee finde ich großartig, aber ist teilweise nicht umsetzbar, da in der Schulzeit Hallen oder Sportplätze überbelegt sind und daher diese Stunden nicht durchführbar sind. Ich glaube, dass das ideale Modell, wie früher, die Vereine sind. Es gibt so viele Möglichkeiten um sich abends sportlich zu betätigen.

Agnes: Natürlich wäre es zumindest eine Stunde Bewegung statt gar keiner! Ich bin davon überzeugt, dass engagierte Sportlehrer/innen mit einer täglichen Sportstunde die Kinder auch außerhalb der Schule zu mehr Bewegung motivieren könnten. Aber leider ist dies unrealistisch: Zu wenige Turnsäle, zu wenige vorhandene Stunden… Ich kenne keine einzige Schule, an der jede Klasse täglichen Sportunterricht genießt.

Helden des Laufsports: Wenn es um Bewegung geht, welche Vorbildfunktion haben hier die Eltern?

Christian: Die Basis zur Bewegung muss aus dem Elternhaus kommen. Leider wird hier teilweise viel zu viel Verantwortung den Schulen und Vereinstrainern abgegeben. Mit den eigenen Kindern sportlich aktiv zu sein, ist die beste Gesundheitsvorsorge! So praktiziere ich es auch mit meinen Kindern.

Klaus: Die Eltern haben die größte Vorbildfunktion, weil die Kinder ja tagtäglich viele Stunden mit ihnen in Verbindung sind und diese nachahmen. Sie dürfen hier die Verantwortung nicht an Lehrer und Trainer abschschieben. Wenn die Erwachsenen nur vorm PC, Handy oder Fernseher sitzen, wie sollen die Kids dann was anderes von ihnen lernen?

Agnes: Dass wir Eltern Vorbilder sind für unsere Kinder ist ganz klar – und mittlerweile auch durch gute wissenschaftliche Studien bestätigt. Wir Eltern müssen uns am Riemen reißen: Weg mit den Handys, raus mit uns und den Kindern! Gemeinsam mit ihnen Zeit im Freien verbringen – da kommt man um Bewegung sowieso nicht herum. 🙂

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